Wie sie dem gestrigen Leitartikel bereits entnehmen konnten, hat mich in der letzten Woche die Stippvisite von Pop-Opa Dieter Bohlen dazu verleiten lassen, Ideen-Stoff für einen Leitartikel kurzerhand in den Mülleimer zu schmeißen. Jetzt muss ich die Ideenfetzen wieder mühsam zusammenkleistern. Widmen wir uns also der Sprachsituation in den luxemburgischen Kindertagesstätten. Denke ich an diese Einrichtungen, wird mir erst so richtig bewusst, dass ich erstens kurz vor der Midlife-Crisis stehe und zweitens, dass ich einer Generation angehöre, die Kitas nur aus US-amerikanischen TV-Serien kannte, da ich - wie die allermeisten meiner Schulfreunde - nicht aus einer Eurokratenfamilie stamme, die ihren Nachwuchs schon in den Achtzigern in Kinderkrippen steckten. Damals verloren nur wenige Politiker einen Gedanken über eine Alphabetisierung auf Französisch. Wer im Alter von vier Jahren in den Kindergarten eintrat, war gebeten, die luxemburgische Sprache zu beherrschen. Wer die damals noch nicht per Gesetz zur Nationalsprache erhobene Landesprache beherrschte, versuchte diese während und nach dem Unterricht zu erlernen. Learning by doing: Du sprichst unsere Sprache nicht? Dumm gelaufen, wie beherrschen auch nicht die deinige. In den letzten Jahrzehnten hat sich die demographische wie sprachliche Situation grundlegend verändert: Die Anzahl der Nicht-Luxemburgisch-Sprecher nimmt weiter zu. Parallel dazu schreitet die sprachliche Emanzipation der Luxemburger massiv voran, indem sie ihre Muttersprache - dank der neuen Medien - auch intensiver als Schreibsprache benutzen. Als der Bildungsminister vor den Sommerferien verkündete, laut über die Einführung eines Zwei-Sprachen-System in den Kindertagesstätten nachzudenken, war die Verblüffung in der Bevölkerung groß. Es steht außer Frage, dass Kleinkinder eine Leichtigkeit an den Tag legen, wenn es darum geht, eine neue Sprache zu erlernen. Fakt ist auch, dass eine ganze Reihe privater Tagesstätten, die eine internationale Kundschaft im Visier haben, keine Kleinkindbetreuung auf Luxemburgisch anbieten. In welchem anderen mitteleuropäischen Land können es sich Privatunternehmen erlauben, ihre Dienstleistungen in fast allen Sprachen außer in der Landessprache anzubieten? Mir fällt auf Anhieb kein weiteres ein. Luxemburgische Kinder, die von klein auf eine Fremdsprache lernen - in diesem Fall Französisch -, sollen besser für die Berufswelt gewappnet sein, was sich dann positiv auf die wirtschaftliche Kompetitivität des Landes auswirken soll. Das leuchtet ein. Eine Voraussetzung für die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit eines Landes ist aber auch eine gesunde soziale Kohäsion, die u.a. durch eine gemeinsame Sprache erreicht werden kann. Dies wird in einem Land, in der sich die Politik nach wie vor davor scheut, sprachpolitische Entscheidungen zu treffen, gerne vergessen. Die „Education Précoce“ wurde eingeführt, um Kinder mit Migrationshintergrund vor der Einschulung an die luxemburgische Sprache heranzuführen. Das Konzept funktioniert zweifelsohne. Sprachlich zweigleisig in der Kita zu fahren würde dieses Konzept indirekt in Frage stellen und es würden sich dort Baustellen auftun, wo keine Baustellen nötig sind.
EDITORIAL
Baustellen
journal.lu - 21.08.2014

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