LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Sind die Zweifel am Bologna-Prozess berechtigt?

Seit etwa fünf Jahren gibt es nun offiziell das Bachelor-Master-System. Die Europäisierung der Studiengänge soll mehr Möglichkeiten bieten, im Ausland zu studieren und die Berufsaussichten auf dem internationalen Arbeitsmarkt verbessern. Ob das gelungen ist, darüber haben am Wochenende Daniel Röder, Diplomsoziologe, Guido Käsgen, Leiter der Abteilung für studentische Angelegenheiten der Universität Trier, Carsten Matlok, Mitglied der AStA in Trier, Corinne Cox, Vertreterin des luxemburgischen Bildungsministeriums und Serge Wilmes, CSV-Abgeordneter, diskutiert. Die Diskussion fand im Kurfürstlichen Palais in Trier im Rahmen der diesjährigen „Réunion Européenne des Étudiants Luxembourgeois“ (REEL) statt.

Käsgen fordert schärfere Kriterien

Serge Wilmes wies darauf hin, dass der Bologna-Prozess kein Vertrag sei. Es fand kein legislativer Prozess statt, sondern eine freiwillige Einwilligung seitens der teilnehmenden Länder. Man müsse anerkennen, dass genau dieser Umstand schon ein Erfolg darstelle, funktioniere in Europa doch sonst alles nur mit verbindlichen Verträgen und dem nötigen Druck.

Nichtsdestotrotz haben nicht alle Länder den Bologna-Prozess auf die gleiche Weise umgesetzt. Manchen Ländern fehlen schlicht und ergreifend die finanziellen Mittel. Die Hauptursache der Divergenzen aber ist, dass die im Prozess behandelten Punkte nicht gänzlich bis zu den Hochschulen und Universitäten durchgedrungen sind und sich die einzelnen Länder zudem auf deren Autonomie berufen. Es herrscht also keine wirkliche Einigkeit. Besonders die Aufteilung der sogenannten ECTS- Punkte (European Credit Transfer System) auf die Module bereitet Schwierigkeiten. Welcher „Workload“ ist für wie viele ECTS- Punkte gerechtfertigt? Und wie sollen die Module aufgeteilt werden? Der Bologna-Prozess gibt zwar formale Grundregeln vor, lässt aber möglicherweise noch zu viel Freiheiten. „Der Bologna-Prozess ist gut gedacht, aber nicht gut gemacht.“, schlussfolgert Guido Käsgen. „Die Einheiten eines Studienganges verhalten sich wie Legosteine. Die Voraussetzung ist, dass die Nippel genau aufeinander passen.“ Dass dies immer der Fall ist, daran zweifeln viele Bologna-Kritiker. Carsten Matlock bestätigt, dass es seit Bologna in der Tat mehr Beratungsbedarf gibt, als zuvor.

So schnell wie möglich ans Ziel

Ein Thema, das die Studenten beschäftigt, ist die Regelstudienzeit- und das, obwohl es diese bereits vor Bologna gab. Jeder Bachelor- wurde in drei, jeder Masterstudiengang in zwei Jahre gepresst und die Studenten stehen unter dem Druck, innerhalb dieser Zeit durch das vollgestopfte Programm galoppieren zu müssen. Da bleibt nicht mehr viel Zeit, sich nebenbei fortzubilden, seriöse Hobbys zu pflegen und Praktika zu machen - besonders dann nicht, wenn das Studium mit einem Nebenjob finanziert werden muss. „Es heißt, nur ein Chuck Norris schaffe den Bachelor in der Regelstudienzeit“, meint Matlok lachend. Eine der Hauptschwierigkeiten ist es, das Studium selbst verwalten und organisieren zu müssen. Daran scheinen viele zu scheitern. „Es sollte aber auch jedem klar sein, dass er irgendwann den Kühlschrank auffüllen muss. Es bringt nichts, ein ‚open end‘ zu lassen“, findet Guido Käsgen.

Ein anderes Thema, das häufig Sorgen bereitet, sind die mangelnden Berufsaussichten. Hinter vielen Studiengängen steckt gar kein klares Berufsfeld. Das führt beim Studenten vielfach zu Unsicherheiten oder der späten Erkenntnis, dass er mit dem gewählten Studienfach nichts anfangen kann. Matlok ist der Ansicht, dass aus diesem Grund die Möglichkeit bestehen sollte, gewisse Themenfelder differenzierter zu vertiefen, um sich so besser auf einen spezifischen Job vorzubereiten. Besonders in den Geisteswissenschaften wie Geschichte, Philosophie, Soziologie und Germanistik sind die Berufsaussichten eher karg. Dieser Umstand ist bedauerlich, ist jedoch nicht auf den Bologna-Prozess zurückzuführen. Allerdings - und das wiederum ist durchaus ein Problem von Bologna - ist es mit einem Bachelorabschluss oft gar nicht möglich, überhaupt Arbeit zu finden, für die man weder über- noch unterqualifiziert ist. Eine entsprechende Karriere im öffentlichen Dienst war in Luxemburg nicht vorgesehen - „fir bei de Staat ze goe mam Bachelor“, wie Serge Wilmes es ausdrückte - die kürzlich in Kraft getretene Reform führt sie aber nun ein.

Paradoxales Verhalten

Der größte Kritikpunkt ist und bleibt das Bologna-Paradox. Der Bologna-Prozess war ja eigentlich darauf ausgerichtet, das Studium im Ausland einfach und problemlos zu gestalten. Nun müssen die Universitäten allerdings feststellen, dass viele Austauschplätze unbesetzt bleiben. Viele luxemburgische Studenten verlassen für ihr Studium gar nicht erst das Land - abgesehen vom obligatorischen Auslandssemester. Das kann allerdings auf vielerlei Gründe zurückzuführen sein und muss nicht zwangsweise als Misserfolg von Bologna angesehen werden. Möglicherweise muss man den Universitäten und Hochschulen aber auch einfach noch etwas Zeit geben, ihre Studiengänge anzupassen und mögliche Anlaufschwierigkeiten auszumerzen.