NORA SCHLEICH

Momentan wird mehr oder weniger gekonnt jongliert. Nicht im Zirkus mit Kegeln, nein, sondern medial und zwar mit dem Wort ‚postfaktisch‘. Postfaktisch ist sogar bereits im Rennen, um zum Unwort des Jahres gekürt zu werden. Tragischerweise wird dieser Begriff jedoch trotz breitgefächerter Anwendung oftmals ungünstig oder gar zu einseitig gebraucht. Dass diesem Konzept ein Mehr an Bedeutung zuzuschreiben ist, als das bloße auf Gefühl Beruhende und das nicht wissenschaftlich Überprüfbare, wird in der heutigen Reflexion hervorgehoben werden.

Als postfaktisch gilt neuerdings zum Beispiel das Verhalten des Wählers, der, ohne sich auf Fakten zu berufen, nach eigenen Neigungen und Interessen seine Kreuzchen zu machen gedenkt. Vor wenigen Tagen begegnete ich dem Begriff der postfaktischen Weihnacht, mit dem beschrieben werden soll, dass das heutige weihnachtliche Feiern die tatsächliche Geschichte (Fakten?) der damaligen Ereignisse gar ausklammert.

Doch meint post-faktisch denn nun wirklich den radikalen Bruch mit dem Faktischen? Begutachten wir zunächst den Begriff. Wann wird etwas als Fakt angesehen? Vom lateinischen ‚factum‘ abstammend, beschreiben wir damit heute vorwiegend wirkliche Tatsachen, die überprüfbar sind und sich wissenschaftlich und theoretisch beschreiben lassen. Kant unterscheidet das Faktum vom bloßen Gegenstand der Meinung und auch von Glaubenssachen, er sieht sie als Art Erkenntnisobjekt an. Also etwas, das sich empirisch überprüfen und anhand theoretischer Grundsätze bestimmen lässt. So ist für Kant ein Fakt etwas, das für jeden allgemein geltend werden kann, und von jedem vernünftigen Wesen als solches erkannt werden kann. Frege und seine Zeitgenossen beschreiben Tatsachen als logische Aussagen, die uns Wahrheitswerte übermitteln können. Ein Fakt kann uns also mitteilen, wie sich etwas in unserer Wirklichkeit wahrhaft verhält.

Das lateinische Präfix ‚post‘ bedeutet nach oder hinter. Dies kann zum einen den zeitlichen Aspekt einer Nachfolge kennzeichnen. Zum anderen kann es eine systematische Anordnung ausdrücken. Es bedeutet aber nicht, und dies ist für die heutige Argumentationslinie wesentlich, ‚unabhängig von‘. So kann dieses Präfix je nach Anwendung etliches beschreiben, zum Beispiel kann es einen Bruch mit der bisher bekannten normativen Einschätzung eines Sachverhalts andeuten. Das postfaktische Weihnachtliche wäre in meinen Augen eher hier anzusiedeln, da ausgedrückt werden soll, dass die eigentliche Wertkonzeption, die der weihnachtlichen Geschichte zugeschrieben wird, nicht mehr die Haltung der Menschen zu Weihnachten bestimmt. Es bedeutet jedoch nicht, dass zu der Zeit ein Drang vorwiegt, um durch wissenschaftliche Rechtfertigung die Unhaltbarkeit des Überlieferten zu beweisen zu versuchen und dadurch anzeigen soll, dass wir es mit Nicht-Tatsächlichem zu tun haben. ‚Post‘ kann aber auch die Überwindung des Vorhergehenden meinen, nach der eine neue Orientierung erfolgt, aus der wiederum der Rückblick auf das Vorhergehende möglich wird. In diesem Sinne könnte man zum Beispiel den Begriff des Postkolonialismus verstehen. Dieser Bedeutung geht einher, dass das Faktische, das hinter sich zu lassen ist, keine unbedingte Notwendigkeit mehr auf das heutige Geschehen zu haben scheint, und dass man durch die dialektische und kritische Auseinandersetzung mit Begriff und Geschichte zu ‚postfaktischen‘ Einsichten und Theorien voranschreiten kann. Hier wäre die Interpretation des auf bloßen Gefühlen Beruhenden zum Beispiel verfehlt.

So kann das ‚Postfaktische‘ also auch eine Auseinandersetzung mit dem Dagewesenen oder Daseienden meinen, aus dessen Kontext sich ein neues Verständnis und Struktur der Aspekte unserer Wirklichkeit ergeben können.

Auf jeden Fall festzuhalten ist, dass das Postfaktische, egal in welcher begrifflichen Deklination es nun seine Verwendung findet, nicht die komplette Unabhängigkeit vom Tatsächlichen oder vom Vorhandenen meinen kann. Das Postfaktische entsteht aus dem Faktischen, das zuvor be- und erkannt gewesen ist. Es entsteht aus dessen Kontext und birgt in diesem Sinne notwendigerweise auch dessen Sinn in sich. Ganz einfach, weil das Faktische den Grund für das ‚über das Faktische Hinausgehende‘ oder das ‚sich mit dem Faktischen Auseinandersetzende‘ darstellt. Wählt der Wähler nun aus postfaktischen Motiven, ist also hier nicht zu vergessen, dass er nicht losgelöst von Situation und Kontext entscheidet, sondern dass er aus der Wirkung des Vorhergehenden hinaus zu einer Haltung gelangt, die eng mit diesem verbunden bleibt. Auch wenn dies nun meinen sollte, dass es auf primär emotioneller Ebene erfolgt, ist es doch eben nicht faktisch neutral, denn sogar wenn es das Faktische ablehnt, steht es immer noch in Bezug mit dem, was eigentlich als das Tatsächliche und zu Rechtfertigende geltend war.

Das Problem nun in die ‚postfaktische‘ Haltung zu legen, wäre also schlichtweg zu früh gefeuert. Eine ‚a-faktische‘, aus dem A-ffekt hinaus erfolgende Handlung hingegen, deren Grund und Wirkung einmal gründlicher zu untersuchen wäre, würde der Sache in manchen Fällen sicherlich gerechter werden.