TRIER
MARCUS STÖLB

Wurde im Vermisstenfall Tanja Gräff wirklich nichts unversucht gelassen?

Günter Deschuntys Vertrauen hat gelitten. Erst das in die Arbeit einiger seiner Ex-Kollegen und Vorgesetzten, dann das in die Berichterstattung einzelner Medien. „Das ist absolut unseriös“, erregt sich der pensionierte Kriminalbeamte aus Trier.

Anlass für Deschuntys Verärgerung: ein Bericht auf „wort.lu“. Dieser basiert auf einem Leserbrief, den der Ex-Ermittler im „Trierischen Volksfreund“ veröffentlichte. „Wir waren Tanja Gräffs Mörder auf der Spur“, titelte daraufhin der Online-Ableger des „Wort“. Dabei hat Deschunty derartiges nie behauptet, und ein entsprechendes Zitat sucht man vergebens in seinem Leserbrief.

Der hat es auch so in sich und sorgt seit Tagen in und um Trier für helle Aufregung. Denn mit Deschunty kritisiert erstmals ein unmittelbar in die Ermittlungen eingeweihter Beteiligter die bisherige polizeiliche Arbeit in dem seit dem 7. Juni 2007 ungeklärten Vermisstenfall, und auch die Staatsanwaltschaft Trier verschont er nicht. Sein Kernvorwurf: Die Darstellung beider Behörden, man habe „nichts unversucht gelassen, den Fall zu klären“, sei falsch. Und er wird konkret: Insbesondere der „Spitzbart“-Spur habe man nicht die nötige Bedeutung beigemessen, „es gibt noch immer eine Vielzahl ungeklärter Sachverhalte in dieser Spur.“ Damit nicht genug: „Seit nunmehr vier Jahren verzögern und blockieren eine Handvoll Verantwortliche wichtige Ermittlungen in dieser Spur“, behauptet Deschunty, der Mitglied der Sonderkommission „Soko FH Tanja Gräff“ war.

Wer war der Unbekannte?

Dass er mit diesen Vorwürfen für erhebliche Unruhe sorgen würde, war dem Ruheständler vollkommen bewusst, als er seinen Leserbrief verfasste. „Gehen Sie davon aus, dass ich mir das gut überlegt habe“, betont er im Gespräch mit dem „Journal“. Deschunty ist raus aus dem Fall, doch treibt ihn das Schicksal der vor mittlerweile siebeneinhalb Jahren verschwundenen Tanja Gräff weiter um.

Rückblick: Am frühen Morgen des 7. Juni 2007 wird die damals 21-jährige Studentin zum letzten Mal auf dem Sommerfest der Trierer Fachhochschule gesehen. Der Campus grenzt gleich an die „Bitburger“, von der man schnell auf der Autobahn Richtung Luxemburg ist, und nicht weniger rasch auch im Trierer Stadtzentrum. Kurz nach 4.00 an jenem Morgen telefoniert Tanja zum letzten Mal mit ihrem Handy vom Campus aus und kündigt Freunden an, zum „Mickey-Mouse-Koch-Platz“ kommen zu wollen; gemeint ist der Nikolaus-Koch-Platz unweit der Trierer Fußgängerzone. Dort wird sie nie ankommen, nach dem Telefonat verliert sich ihre Spur, lässt sich ihr Handy nie mehr orten. Bis heute konnten die Ermittler nicht eine einzige heiße Spur präsentieren. Dafür, dass sich das Schicksal der jungen Frau, die mutmaßlich einem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel, alsbald aufklären lässt, spricht nichts. So lebt Tanjas Mutter Waltraud Gräff weiter in der Ungewissheit, was ihrer Tochter zugestoßen sein könnte.

Zwischenzeile: „Völlig haltlose Vorwürfe“

Bis heute steht nicht einmal fest, ob die junge Frau tatsächlich ermordet wurde. Weshalb auch niemand, außer dem Täter und mutmaßlichen Mitwissern, weiß, ob es einen Mörder gibt. Der „Spitzbart“, von dem Deschunty schreibt, ist für den pensionierten Beamten zunächst vor allem ein potenzielles „Bindeglied“ zu einem bis heute unbekannten Mann. Gegen 3.50, also kurz vor ihrem Verschwinden, soll dieser Unbekannte den letzten Begleiter der Studentin mit den Worten „Lass Tanja in Ruhe“ angefahren haben. Alles spricht dafür, dass Tanja diesen Mann kannte, doch bis dato hat er sich nicht bei den Ermittlern gemeldet und konnte auch nicht identifiziert werden. Anders der besagte „Spitzbart“, von dem Deschunty glaubt, dass er den Unbekannten kannte. Doch der Ex-Beamte sagt, dass die nachfolgenden Ermittlungen „völlig unzureichend“ gewesen seien.

„Völlig haltlos“, kontert der Leitende Oberstaatsanwalt Peter Fritzen auf Anfrage gegenüber dem „Journal“ und liefert zunächst eine „Einordnung der in dem Leserbrief erhobenen Vorwürfe“: Die Ermittlungen im Fall Tanja Gräff seien „mit einem personellen und logistischen Aufwand geführt worden, der beispiellos ist.“ Mehr als 2.000 Hinweise seien eingegangen, Hunderte Spurenakten angelegt worden. Fritzen weiter: „Die erhobenen Vorwürfe beziehen sich lediglich auf eine dieser Spuren, die sogenannte Spur ‚Person mit dem Spitzbart‘.“

Dann bestätigt er eine Darstellung Deschuntys: „Es trifft zu, dass im Jahr 2007 ein Phantombild einer Person mit einem Kinnbart gefertigt wurde. Dieses wurde seinerzeit einer Vielzahl von Zeugen vorgelegt, bei denen die Ermittlungsbeamten davon ausgingen, dass sie möglicherweise relevante Beobachtungen gemacht haben könnten.“ Doch „weiterführende Erkenntnisse ergaben sich hierbei nicht. Die Person, die später als mögliche ‚Person mit dem Spitzbart‘ ermittelt worden ist, ist nicht aufgrund dieses Phantombilds, sondern auf andere Weise ermittelt worden.“ Selbstverständlich habe man diese dann auch vernommen. Ein konkreter Tatverdacht oder „weitere erfolgversprechende Ermittlungsansätze haben sich nach der übereinstimmenden Auffassung von Polizei und Staatsanwaltschaft aus den Ergebnissen der zu dieser Spur geführten Ermittlungen nicht ergeben“, fährt Fritzen fort.

Online-Petition fordert Ermittlungen

Einen Grund, die Ermittlungen wieder aufzunehmen, sieht seine Behörde nicht. Eine Beschwerde des Anwalts der Familie der Vermissten bei der Generalstaatsanwaltschaft hatte keinen Erfolg. Man habe den Sachverhalt geprüft und „gleichfalls keinen Anlass gefunden, weitere Ermittlungen anzuordnen.“

Doch genau das forderten bis Dienstagabend schon fast 1.000 Internetnutzer, die eine entsprechende Online-Petition unterzeichneten. Auf den „Kommissar Zufall“ wollen sie nicht mehr warten, und vielleicht wird durch die Berichterstattung der Druck auf mögliche Mitwisser wieder erhöht, notfalls anonym einen zielführenden Hinweis zu geben - damit nicht nur der Ungewissheit ein Ende bereitet wird, sondern auch den abstrusen Verschwörungstheorien, die im Internet kursieren.