LUXEMBURG
BODO BOST

Vor 200 Jahren wurde Samuel Hirsch, der erste Luxemburger Oberrabbiner geboren

Vor 200 Jahren wurde Samuel Hirsch (1815-1889), erster Luxemburger Oberrabbiner und Pionier des liberalen Judentums in Thalfang/Rheinland Pfalz geboren. Angesichts der aktuellen Diskussion über die Schuldfrage Luxemburgs lohnt sich ein Blick auf sein Leben umso mehr.

Am 8. Juni 1815 wurde Samuel Hirsch als Sohn des Viehhändlers Salomon Hirsch und seiner Frau Sara, geborene Gottlieb in Thalfang im Hunsrück geboren. Mit der Barmizwa beendete der hochbegabte Junge seine kurze Schullaufbahn in Thalfang und besuchte, ab seinem 13. Lebensjahr die Jeschiwa des erzkonservativen Aron Worms in Metz.

Ministerielle Sondererlaubnis für ein Philosophie-Studium

Mit ministerieller Sondererlaubnis wurde Hirsch zum Philosophiestudium zugelassen, er studierte an den Universitäten Bonn und Berlin. Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, hatte er schon zwei Jahre vorher eine Rabbinerstelle in Dessau angetreten, wo er ab 1839 Rabbiner auf Probe war. Zwei Jahre später wurde er jedoch wegen seiner liberalen Ansichten und seinem Lebenswandel aus dem Amt gedrängt. Durch die Unterstützung von Freunden konnte er jedoch weiter in Dessau bleiben. Er promovierte 1842 in Leipzig.

Nicht besser und nicht schlechter

Bereits 1842 erschien sein philosophisches Hauptwerk, „Die Religionsphilosophie der Juden“. In diesem interpretiert Hirsch das Judentum als dialektisch sich entwickelndes religiöses System. Als ein kritischer Schüler Hegels, lehnt Hirsch seines philosophischen Meisters Behauptung, dass das Judentum auf der Skala der Religionen einen niedereren Rang einnimmt als das Christentum, ab. Hirsch ist der Ansicht, dass Judentum und Christentum beide gleichermaßen gültig sind und sich gegenseitig ergänzen.

Hirsch entwickelte mit Hegelscher Dialektik eine komplexe Religionsphilosophie; revolutionäre Gedanken ausgedacht zu einer Zeit, in der sich Christentum und Judentum seit Jahrhunderten theologisch bekämpften. In seiner Antwort auf „Die Judenfrage“ des Hegel-Schülers Bruno Bauer widersprach Hirsch dessen These, Juden müssten sich taufen lassen, um sich zu emanzipieren. Hirsch hat Judentum und Christentum auf Augenhöhe nebeneinander gestellt, und gleichzeitig dem Christentum seine wahre Aufgabe, nämlich die Mission unter den Völkern, die zu dieser Zeit stark im Argen lag, ins Gewissen gerufen.

Berufung zum Oberrabbiner Luxemburgs

Die Französische Revolution hatte auch in Luxemburg, das seit 1815 zum Königreich der Niederlande gehörte und eine preußische Garnison besaß, aber teilautonom war, zur Emanzipation der Juden geführt. Immer mehr Juden vor allem aus dem Trierer Raum darunter auch aus Thalfang, ließen sich in Luxemburg nieder. Ihre erste Synagoge ließ die jüdische Gemeinschaft im Jahre 1823 errichten. 1843 wurde Samuel Hirsch, der zuvor eine Berufung nach Essen abgelehnt hatte, erster staatlich besoldeter Großrabbiner. Bei der Wahl in Luxemburg wurde er Isaac Levy vorgezogen, der zwar die Luxemburger Nationalität besaß, aber nicht die fachlichen Voraussetzungen für das Amt erfüllte.

Ein Grund, warum der Oberrabbiner das Angebot annahm von Deutschland wegzugehen, war wohl auch die größeren Freiheiten, die die Juden in Luxemburg damals schon genossen. So sagte Oberrabbiner Hirsch im Juli 1844 bei der Begrüßung des niederländischen König Großherzogs in Luxemburg, dass die „Israeliten ihre völlige Emancipation in Luxemburg erhalten hätten“, im Gegensatz zu Preußen.

Samuel Hirsch wurde zum Redner der „Loge des Enfants de la Concorde fortifiée“. Allerdings hatte die älteste in Luxemburg bestehende Militär-Loge „Blücher von Wahlstadt“, die aus Offizieren der preußischen Garnison bestand, es abgelehnt, ihn aufzunehmen. Auch in den Logen gab es Widerstände gegen die Aufnahme von Frauen und Vertretern nichtchristlicher Religionsgemeinschaften. Wahrscheinlich hat diese Ablehnung ihn auch bezüglich der Freimaurerei desillusioniert.

Vielleicht auch wegen den Akzeptanzproblemen in der eigenen Gemeinde engagierte sich Oberrabbiner Hirsch weiterhin auch im Selbstfindungsprozess des deutschen Judentums, der im 19. Jahrhundert voll im Gange war. Zwischen 1843 und 1846, nahm er an mehreren Rabbinerkonferenzen in Braunschweig, Frankfurt und Breslau teil, auf denen die Grundlagen des Reformjudentums gelegt wurden. Er bewarb sich erfolglos 1844 für eine Rabbinerstelle in Kassel und 1846 um eine Predigerstelle in der jüdischen Reformgemeinde in Berlin. 1845 heiratete er in Braunschweig Louise Micholis und wurde Vater dreier Söhne. Ein Sohn starb bereits im Alter von vier Monaten.

Nach dem Scheitern seiner Reformvorstellungen in Deutschland hatte Samuel Hirsch den Eindruck, dass seine Reformvorstellungen auch in Luxemburg nicht wohlgelitten waren. So nahm er 1866 kurzfristig ein Angebot der Reformgemeinde „Keneseth Israel“, in Philadelphia in den USA an und sah dies auch als Chance, seine Ideen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten durchzusetzen zu können. Die USA waren zweifellos das geeignetere Land für einen Intellektuellen seines Niveaus. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Er gründete dort den ersten US-amerikanischen Zweig der Alliance Israélite Universelle und wurde 1869 Vorsitzender der ersten Konferenz der US-amerikanischen Reform-Rabbiner in Philadelphia. Als solcher hatte er großen Anteil an der Ausformulierung der Grundsätze des Reformjudentums. Er blieb 22 Jahre Rabbiner in Philadelphia, wurde 1888 pensioniert und zog zu seinem Sohn, Emil Gustav Hirsch, der ebenfalls Philosoph und Rabbiner war, nach Chicago. Dort starb er am 14. Mai 1889.

Religion der Humanität

Samuel Hirsch gehörte zu der ersten Generation von Reformrabbinern, die das traditionelle Lernen mit der universitären Bildung verbanden und so die „Wissenschaft des Judentums“ ins Leben riefen. Er war der furchtloseste und konsequenteste Verfechter des aufgeklärten liberalen Judentums, überzeugt von der unbesiegbaren Kraft der Wahrheit wurde er niemals müde, die grundlegenden Glaubenssätze hochzuhalten, die die Religion der Humanität ausmachen. Aus dieser Sicht war er auch einer der Begründer des heutigen christlich jüdischen Dialogs, der nach der Barbarei des Nationalsozialismus angetreten ist, das Erbe von Menschen wie Samuel Hirsch fortzuführen.

Samuel Hirsch vertrat eine radikale Reform des Judentums, die Forderung nach Abschaffung der Beschneidung und der hebräischen Sprache im Gottesdienst oder gar die Aufgabe des Talmuds oder des Messiasglaubens, wie sie von manchen noch radikaleren Gruppen gefordert wurde, lehnte er jedoch ab. Bereits in Luxemburg setzte er sich auch mit der „Sabbathfrage“ auseinander. 1846 trat er in einer Grundsatzschrift für eine Verlegung des jüdischen Ruhetages auf den Sonntag ein. 1871 führte er wie andere Reformgemeinden auch in seiner Synagoge jüdische Sonntagsgottesdienste ein. Diese Neuerung wurde später jedoch von den Reformgemeinden wieder aufgegeben. Die einzigen Errungenschaften aus der Zeit von Samuel Hirsch, die sich heute zumindest im Reformjudentum, das etwa ein Drittel des Weltjudentums ausmacht, durchgesetzt haben, sind die Rabbinerordination von Frauen und das Orgelspiel in den Synagogen.