Der Sommer 2014 bot Gelegenheit, auf dramatische Momente der europäischen Geschichte zurückzublicken. Im August 1914 begann nämlich der Erste Weltkrieg, und Medien, Forschung und Kulturinstitutionen haben dessen Folgen auf die europäische Politik und auf das Leben der Menschen näher analysiert.

Im September 2014 rührten dann zahlreichen Gedenkfeiern an die Befreiung Luxemburgs im Jahr 1944, während dem noch viele Luxemburger Zwangsrekrutierte an der Ostfront und Luxemburger Widerständler in den Konzentrationslagern litten. Blickt man auf all jene Bilder zurück, mit denen uns die Medien in das Jahrhundert der Weltkriege führten, beschleicht einen die Trauer über Generationen junger Menschen, die geopfert wurden, und zwar wegen einem absolut sinnlosen Machtgehabe und undemokratischen Hegemonieansprüchen. Während der Erste Weltkrieg den Untergang einer alten Weltordnung mit sich brachte (die übrigens nicht nur negative Aspekte beinhaltete, da die Welt vor 1914 noch allen gehörte und man Grenzen ohne Pass überschreiten konnte), stellte er die Weichen für ein Europa der nationalen Staaten, ohne dass alte Großmachtansprüche wirklich in die Geschichte eingeordnet werden konnten und der Vergangenheit angehörten. Es sind dann auch die in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs erlebten Kriegstraumata, die nach 1918 Geschichte schrieben, zu Revolutionen und verschiedentlich zum Sturz von Dynastien führten (in Russland und Deutschland zum Beispiel). Die tragischste Geschichte der 20. Jahrhunderts, die auch unwiderruflich den Ersten und den Zweiten Weltkrieg miteinander verbindet, ist jene um Adolf Hitler, von dem Historiker heute sagen, dass seine Erlebnisse in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs der einzige informelle Bildungsprozess gewesen sind, der dieser Mann miterlebt hat. Der als Erniedrigung empfundene Versailler Vertrag schürte im Deutschland in den zwanziger Jahren eine nationalistische Ideologie, die leider Fuß fassen konnte, und zwar nicht nur in Deutschland, denn die Kollaboration in vielen besetzten Gebieten bleibt ein ungenügend erforschtes Kapitel. Einen fortschrittlichen Schritt im Sinne eines vereinigten Europa bedeutete die Unterzeichnung des EGKS-Vertrages (Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl) im Jahr 1951, weil es sich hier erstmals um einen konsequenten Versuch handelte, grenzüberschreitend und europäisch zu denken. Die Initiatoren dieser Gemeinschaft für Kohle und Stahl wussten, dass die Europäer in einem Boot sitzen, und dass man sie grenzüberschreitend wirtschaftlich und kulturell miteinander verknüpfen muss. Auch wurde verstanden, dass einseitige Schuldzuweisungen langfristig nichts bringen, dass alle Länder an Europa mitarbeiten müssen.

Dies bedeutet nicht, dass Schuld nicht aufgearbeitet werden soll, denn alle heute lebenden Generationen tragen Verantwortung für eine Zukunft ohne Diktatur, Menschenverachtung und Diskriminierung. Das hauptstädtische Cercle-Gebäude war zwischen 1953 und 1969 Tagungs- und Sitzungsort der EGKS und zeigt derzeit im Ratskeller Bilder der Befreiung Europas 1944; es wird auf diese Weise seiner Bestimmung als Ort der Erinnerung, der Versöhnung und der Gemeinsamkeit gerecht.