LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Nasra über die Strategie der Eigentümer

George Nasra ist der Kopf von Precision Capital – jenem Finanzkonstrukt, dem die BIL zu 90 Prozent und die KBL zu 100 Prozent gehört. Damit ist der 68-Jährige auch für rund 4.000 Arbeitsplätze im Land verantwortlich. Seit 2008 nimmt der Mann aus dem Nahen Osten in den Aufsichtsräten beider Banken die Interessen der katarischen Eigner wahr. Bislang hat Nasra nie Interviews gegeben. Im „Journal“ spricht er erstmals über Sozialpläne, Investitionen und die Strategie der Eigentümer.

Herr Nasra, warum haben Sie bislang nie Interviews gegeben?

George Nasra: Ich habe bereits einige Male mit der luxemburgischen Presse gesprochen, dass ich es so selten mache liegt daran, dass ich die best pratice standards und die Rolle eines jeden Shareholders respektiere. Die Leitung eines Unternehmens ist Aufgabe des Top Managements, unter Aufsicht des Verwaltungsrats, in welchem die Eigentümer vertreten sein können. Das Management muss managen und der Verwaltungsrat beaufsichtigt es. Meine Rolle ist deswegen, als stellvertretender Aufsichtsratspräsident bei der BIL oder bei KBL epb zu handeln.

Die Strategie im tagtäglichen Geschäft umzusetzen ist Sache der Vorstandsvorsitzenden. Deshalb sollten sie – also Yves Stein für die KBL epb und Hugues Delcourt für die BIL – im Rampenlicht stehen. Erlauben Sie mir darauf hinzuweisen, dass die Rolle und Verantwortung des Vorstands darin liegt, die Langzeitstrategie auf Basis von Vorschlägen des Managements festzulegen. Ein starker Vorstand ist extrem wichtig, da dieser eine Hauptrolle einnimmt. Aus diesem Grund war es eine der ersten Prioritäten von Precision Capital sicherzustellen, dass sowohl KBL epb als auch BIL über einen starken und repräsentativen Vorstand verfügen. Heute sind diese bei beiden Organisationen weltklassig – genau wie die, ebenso wichtigen, Risiko Management und Kontrollprozesse. Hier möchte ich noch hinzufügen, dass Precision Capital eine hervorragende Beziehung zum luxemburgischen Staat, als Anteilseigner der BIL unterhält. Sehr positiv und konstruktiv ist auch die Beziehung zu den Personalvertretern im Vorstand der BIL und KBL epb.

Sie haben viel Einfluss, aber kaum jemand weiß etwas über Sie. Welche Wege haben Sie nach Luxemburg geführt?

Nasra: Geboren bin ich in Jordanien, wo ich 1970 einen Bachelor in Wirtschaft erworben habe. 1987 habe ich ein viermonatiges Programm für Senior-Executives  am Massachusetts Institute of Technology (M.I.T) in Boston abgeschlossen. Danach habe ich für die Chase Manhattan Bank gearbeitet und dort noch einen neunmonatigen Kurs in Kredit & Marketing belegt. Dann habe ich 33 Jahre lang für die National Bank of Kuwait (NBK) gearbeitet, die durchweg als eine der besten Bank des Mittleren Ostens geführt wird. In dieser Zeit war ich auch 13 Jahre in New York tätig, von wo aus ich das Nord- und Südamerikageschäft geleitet habe. Dann habe ich NBK Capital geleitet, die Tochtergesellschaft der Bank, welche sich um Investitionen und Merchantbanking kümmert. Auf Wunsch der NBK bin ich nach Katar gegangen, wo ich fünf Jahre die International Bank of Qatar (IBQ) geleitet habe. Die Bank hatte auch Investoren aus Katar, welche mich gebeten haben, die Eigentümer bei BIL und KBL epb zu vertreten. Heute lebt meine Familie – ich habe drei Kinder und vier Enkel – in Doha und Dubai.

Sitzen Sie noch im Aufsichtsrat der International Bank in Katar?

Nasra: Vor zwei Jahren habe ich meine Ämter in Katar alle aufgegeben.

Wie sieht ein normaler Arbeitstag bei Ihnen aus?

Nasra: Ich arbeite zwischen 8.30 und 18.00 sowohl bei der KBL epb als auch bei der BIL und habe in beiden ein Büro.

Haben Sie ein Vorbild?

Nasra: Ich glaube an allgemeingültige Werte: Hart arbeiten, ehrlich sein. Ich kann brutal ehrlich und direkt sein. Aber das ist der beste Weg.

Das ist Ihr erster Job in Europa. Was fällt Ihnen an Luxemburg auf?

Nasra: Es gibt natürlich große Unterschiede zum Nahen Osten und den Vereinigten Staaten. Auffallend ist ohne Zweifel, dass Luxemburg genau im Zentrum Europas liegt. Es gibt eine starke Konkurrenz im Bankenbereich. Die Regeln fürs Geschäft sind ganz anders, genauso wie der ganze Markt. In Luxemburg ist natürlich die Größe frappierend. Ich las in einem Magazin „little big Luxembourg“. Das trifft es ganz gut. In Luxemburg mag alles klein sein, aber trotzdem spielt das Land in vielen Bereichen eine große Rolle, hierzu zählt natürlich das Bankgeschäft.

Wie oft haben Sie Kontakt mit den Eigentümern der KBL epb und der BIL in Katar?

Nasra: Oft, mindestens einmal im Monat. Mindestens alle zwei Monate fliegen die CEOs von BIL und KBL epb nach Katar und treffen dort die Eigentümer, um über die Strategie zu diskutieren. Der direkte Kontakt ist sehr wichtig.

Gibt es eine zeitliche Grenze für das Engagement der katarischen Eigner?

Nasra: Precision Capital ist eine in Luxemburg ansässige Bankenholding, welche von der CSSF und der Europäischen Zentralbank reguliert wird. Es ist kein Sovereign Fund, sondern ein privates Unternehmen, das von der Familie gehalten wird. Es ist die Familie seiner Hoheit Scheich Hamad Bin Jassim Bin Jaber Al-Thani. Precision Capital möchte durch die Investitionen in BIL und KBL epb langfristig von der Attraktivität des europäischen Bankensektors profitieren. Die Anteilseigner haben keinen Zeithorizont. Das hier ist ein Investment in eine Diversifizierung. Es ist ein langfristiges, strategisches Investment.

Katar steht wegen der Einbrüche im Ölgeschäft unter Druck. Wirkt sich das auf das hiesige Bankgeschäft aus?

Nasra: Zunächst möchte ich daran erinnern, dass Precision Capital eine privates Unternehmen und keine Sovereign Fund ist, ich kann also nicht wirklich Fragen über das Budget der Regierung von Katar beantworten. Ich möchte hervorheben, dass sowohl BIL als auch KBL epb  finanziell sehr solide dastehen, und eine starke Bilanz aufzeigen können. Dies wurde durch den ECB/EBA Stress Test und den ECB Asset Quality Review in 2014 demonstriert. Was Ölpreise im Allgemeinen angeht, stimmt es, dass diese fallen. Bedenken Sie aber, dass Katar einer der Haupterdölproduzenten ist, der drittgrößte weltweit. Zusätzlich hat Katar sehr signifikante Reserven und so kann der Einfluss auf die Preise abgefedert werden. Anzumerken ist außerdem, dass niedrige Energiepreise einen umgekehrten und viel schwächeren Einfluss auf Europa haben. Wenn also überhaupt, dann profitiert Europa also eher vom niedrigen Energiepreis.

Welche Ziele gibt es für die BIL und die KBL epb?

Nasra: Das sind nicht nur Zahlen, sondern vor allem Positionen. Die BIL soll die beste Bank in Europa werden. Es ist die älteste Bank des Landes, da gibt es eine starke Verbundenheit und Geschichte. In den ersten drei Jahren ging es um Profitabilität und die Steigerung des Marktanteils. Jetzt geht es mit dem Fünf-Jahresplan weiter. Das verlangt nach Wachstum vom Private Banking hier und in ausgewählten Ländern. Wir investieren außerdem in den Bereich IT. Wir wollen bei der Banking Technologie ganz vorn mitspielen. Die KBL epb ist eine der führenden Private Banking Gruppen, mit einem großen Anteil an professionellen und institutionellen Kunden. Mit Hauptsitz in Luxemburg, ist die Bank in über 50 europäischen Städten präsent. Wir haben schon viel erreicht bei unserer Strategie für das klassische europäische Privatbankgeschäft, immerhin haben wir 100 Milliarden Euro Assets under Management und Verwahrung.  KBL epb hat eine klare, auf langfristiges Wachstum ausgelegte Strategie. Hierzu gehören organisches und semi-organisches Wachstum aber auch externe Initiativen. Diese Strategie wird weiterhin erfolgreich ausgeführt. Dazu gehört auch der Kauf von Banken und Privatebanking Teams. Die Integration der kürzlich erworbenen UBS-Einheit verlief sehr gut. In Großbritannien haben wir ebenfalls zugekauft. Wir suchen nach weiteren Möglichkeiten. Das ist eine klare und fokussierte Strategie.

Gibt es nicht schwierige Situationen, wenn man im Aufsichtsrat zweier konkurrierender Banken sitzt?

Nasra: Zunächst ist es wichtig, dass beide in Luxemburg ansässigen Unternehmen vollkommen unabhängig voneinander sind, mit unterschiedlichen Strategien, Betriebsmodellen und Prozessen. Wie Sie wissen ist es nicht unüblich, dass ein Investor in mehrere Unternehmen aus dem gleichen Sektor oder Markt investiert. Auch ist es nicht unüblich, dass eine Person im Vorstand mehrerer Unternehmen aus dem gleichen Sektor sitzt. Es handelt sich ganz einfach um eine Frage der Good Governance. Ich kann Ihnen versichern, dass Precision Capital, BIL und KBL epb hierbei auf höchste Standards setzen.

Für Ihre Strategien brauchen Sie Mitstreiter. Wie schwierig war es, gute Leute zu finden?

Nasra: Wir hatten Glück, bei beiden Banken sind gute Manager. Für das Personal finden wir auch hier in Luxemburg, in den Nachbarländern und manchmal noch weiter weg interessante Kandidaten. Wir wachsen jetzt, während andere schrumpfen. Und das zieht gute Leute an. Gleichzeitig investieren beide Banken auch viel in Aus- und Weiterbildung, Karriere und Prozesse.

Was machen Sie, wenn Sie nicht arbeiten?

Nasra: Ich gehe ins Fitness-Studio und spiele Tennis. Wenn ich in Luxemburg bin, steige ich in Hotels in der Nähe der beiden Banken ab. In meinem Alter kocht man sich den Kaffee nicht mehr selbst. Ich bin froh, hier zu sein. Es ist eines der wenigen Länder mit AAA-Rating, starken Regulierungsinstanzen, klaren Marktregularien und einer geschäftsfreundlichen Regierung. Das Land und seine Entwicklung liegen mir am Herzen. Es ist eine Erfolgsstory. Das sieht man schon an den vielen chinesischen Banken, die in so kurzer Zeit gekommen sind. Jetzt planen Schweizer Banken, Luxemburg als Plattform für ihre europäischen Geschäfte zu nutzen.

Warum kommen nicht mehr Banken aus Katar?

Nasra: Die investieren viel in Fonds und folgen ihren Kunden. Tendieren also dazu, in die Schweiz, nach London oder Paris zu gehen. Ohne Zweifel ist Luxemburg aber ein globales Finanzzentrum, unter anderem und insbesondere für das Fondsgeschäft.

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Der reiche Wüstenstaat

Katar hat das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Welt

Gerade einmal 180 km x 80 km ist Katar groß. Das Emirat, das auf einer Halbinsel in den Persischen Golf ragt, ist eine Erbmonarchie mit nur 2,41 Millionen Einwohnern, von denen rund eine halbe Million in der Hauptstadt Doha wohnen. Selbst von den Einwohnern ist nur jeder siebte Inländer, da die Zahl von Arbeitern aus Indien und Pakistan im Wüstenstaat sehr hoch ist.

Landessprache ist Arabisch, Staatsreligion der Islam und die Gesetzgebung inspiriert sich sehr von der Sharia. Katar verfügt über das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Welt mit 96.635 US-Dollar. Das Bruttoinlandsprodukt liegt bei 213,78 Milliarden US-Dollar für 2014. Arbeitslosigkeit ist weitgehend unbekannt, die Inflation liegt bei unter vier Prozent.

Der Clan der Al-Thani machte früh seinen Einfluss geltend, teilweise mit Hilfe der britischen Krone gegen die Osmanen. 1939 wurde Erdöl gefunden. In den 60er Jahren zogen sich die Briten zurück. 1971 erklärte Katar sich für unabhängig. Drei Jahre später wurden alle Erdöl- und die  Erdgasgesellschaften verstaatlicht.

Katar ist seit 1998 Hauptsitz der US-Truppen. Es steht in der Kritik wegen der Todesstrafe, der Verletzung der Meinungsfreiheit, der möglichen Finanzierung des IS, der Arbeitsbedingungen der Fremdarbeiter und der Umstände, unter denen die Fußballweltmeisterschaft 2022 für den Wüstenstaat entschieden wurde.

Das Land wurde durch das Erdöl quasi vom Mittelalter in die Neuzeit gebeamt, erlebte große Umbrüche und Reichtum. So sind Wasser und Strom für Kataris gratis. Aber die gesellschaftliche Entwicklung hielt dem nicht Stand, auch wenn Katar Sitz von Al-Jazeera ist. So gilt immer noch eine strenge Zensur in den Medien und Frauen haben nicht die gleichen Rechte.

Analyse zum Thema: Little big Katar