LUXEMBURGCORDELIA CHATON

Steffen Henke setzt sich für ein anderes Geldsystem ein

Stetes Wachstum ist in einer Welt mit begrenzten Ressourcen nicht möglich und in vielen Bereichen Ursache wiederkehrender Krisen. Davon ist Steffen Henke überzeugt.

Herr Henke, Sie waren vor kurzem in Luxemburg und haben hier einen Vortrag gehalten, in dem Sie sich gegen den Zins gewendet haben. Was ist schlecht an Zinsen?

Steffen Henke Ich habe das ganze System hinterfragt, in dem ich mir die Entwicklung im 20. und 21. Jahrhundert angesehen habe. Unsere Bankguthaben wachsen dank des Zinseszinseffekts exponentiell, jedoch unsere Schulden auch. Wenn zwei Wachstumsprozesse entstehen, deren Grenze absehbar ist - und die negativen Entwicklungen sind schon klar erkennbar - sind Zins und Zinseszins Faktoren, die langfristig negativ wirken.

Der Zinseszinseffekt provoziert Krisen und schafft extreme soziale Ungleichgewichte. Mein Fazit: Der Zins ist eine Motivation, Geld, welches man gegenwärtig nicht braucht, zur Bank zu bringen. Doch es ginge auch anders und zwar über eine Gebühr auf Bargeld. Diesen Kosten kann man leicht entgehen. Entweder gibt man sein Geld aus oder legt es, wie im jetzigen System, an, damit es ein anderer Marktteilnehmer nutzen kann. Auf diese Weise zirkuliert das Geld gleichmäßig im Wirtschaftskreislauf. Auf mittelfristige Einlagen stellt sich ein Zins um die null Prozent ein.

Aber der Zins ist doch ohnehin im Keller…

Henke Sie reden über einen sehr niedrigen Marktzins, ich rede über eine Geldumlaufsicherung. Zur Zeit drückt die Europäische Zentralbank den Zins auf niedrigstes Niveau und damit fehlt die Umlaufsicherung des Geldes. Es sind große Mengen von Geld im Markt.

Die Menschen legen es jedoch nicht langfristig an. Die Banken können damit keine Kredite auf lange Sicht vergeben, ohne enorme Risiken einzugehen. Verschiedene Zentralbanken agieren ja schon im Sinne meiner Argumentation und haben negative Einlagezinssätze festgelegt. Wenn man das weiterdenkt, brauchen wir eine Gebühr auf Bargeld.

Sie sind selbst im Finanzbereich. Gibt es Banken, die darüber nachdenken?

Henke Eine Änderung der Geldumlaufsicherung könnte im aktuellen System nur die Zentralbank entscheiden. Vor der Umsetzung sollte der Bevölkerung die Wirkung von Zins und Zinseszins jedoch klar sein. Zur Erklärung: Wenn 100.000 Euro Kapital auf dem Konto liegen und es gibt fünf Prozent Zinsen, sind die Leute zufrieden. Aber wo kommt der Guthabenszins denn her? Er ist in den Schuldzinsen der anderen, jener, an die die Bank Geld verleiht, enthalten. Alle zahlen die Schuldzinsen des Staates über Steuern, alle bedienen die Schuldzinsen der Unternehmen beim Konsumieren. Wenn man die Schuldzinsen, die jeder bezahlt, mit den vereinnahmten Guthabenzinsen vergleicht, zahlt rund 90 Prozent der Bevölkerung immer mehr Schuldzinsen, als sie jemals in der Lage ist, Guthabenzinsen zu generieren.

Was sind die Folgen?

Henke Wir versuchen nun, den Fehler im Geldsystem mit Wirtschaftswachstum zu kompensieren und zerstören damit unsere Umwelt.

Deshalb finde ich, die Umlaufsicherung des Geldes sollte von Zins auf Gebühr umgesattelt werden. Neun von zehn Menschen würden schon rein mathematisch betrachtet davon profitieren. Schützen wir auf diese Weise unsere Natur, gewinnen am Ende alle.

Was halten Sie vom Aktienmarkt?

Henke Die Aktiengesellschaft zahlt Dividende, das ist ein Teil der Wertschöpfung. Das ist in Ordnung, insofern ich den Unternehmenszweck der mittelständigen Firma gutheiße. Der Halter solcher Werte trägt ja auch ein entsprechendes Risiko. Ich fände eine höhere Beteiligung der Mitarbeiter an den Unternehmen, in denen sie arbeiten, gut. Wenn jedoch die größten 500 Konzerne für über 50 Prozent des Weltbruttosozialprodukts zuständig sind, sind unsere demokratischen Strukturen in Gefahr. Auch gibt es wertvolle alternative Rechtsformen für Unternehmungen, zum Beispiel die Genossenschaft.

Wie reagieren Ihre Zuhörer auf den Vorschlag, Strafzinsen auf Guthaben zu erheben?

Henke Das ist sehr unterschiedlich, ökologisch orientierte Menschen sind oft sehr positiv eingestellt. Viele hinterfragen das System. Nicht zuletzt Griechenland zeigt ja sehr genau, dass unser System Krisen produziert. Der Wachstumsbegriff wird noch zu wenig hinterfragt. Die Wirtschaft soll immer wachsen. Doch auf wessen Kosten? Auch spreche ich nie von Strafzinsen. Der Gebühr auf Bargeld kann man leicht, wie eben beschrieben, entgehen. Insofern ist fließendes Geld, wovon ich rede, keine Strafe, sondern ein Segen.

Ist Griechenland in Ihren Augen ein Systemfehler?

Henke Ich bedaure zutiefst, dass die Situation aus dem Geldsystem heraus die medizinische Versorgung der griechischen Bevölkerung destabilisiert und viele Menschen in Armut stürzt. Die Selbstmordrate ist ebenso unerträglich nach oben geschossen wie die der Verbrechen. Familien können ihre Kinder nicht mehr ernähren und geben sie in SOS-Kinderdörfern ab. Dass wir mitten in Europa eine solche Situation wegen eines fehlerhaften Geldsystems ertragen müssen, macht mich zutiefst betroffen.

Was schlagen Sie als Alternative vor?

Henke Mit unserem aktuellen Geldsystem werden wir die Herausforderungen unserer Zeit nicht meistern können. Wir benötigen fließendes Geld als Basis für weitere wertvolle und notwendige Veränderungen. Vor allem wünsche ich mir, dass uns der Wandel friedlich gelingt. Wir brauchen keine Feindbilder, sondern neue Wege, damit wir die bestehenden Aufgaben gelöst bekommen.