LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Teufelskreis Magersucht: Der Leidensweg einer Betroffenen

Hungern bis zum extremen Untergewicht: Als Annick* (Name von der Redaktion geändert) im Alter von 16 Jahren beschloss, eine Diät zu machen, hatte sie diese radikale Absicht nicht wirklich vor Augen. Anfangs sollten es nur ein paar Pfunde weniger sein, schnell entwickelte das Abnehmen aber eine Eigendynamik und wurde zur Sucht, zur Magersucht.

„Ich habe mich damals im Vergleich zu gleichaltrigen Mädchen als zu dick empfunden. Hinzu kam, dass ich mich oft niedergeschlagen fühlte und sozial isoliert war“, erklärt Annick. Übergewichtig sei sie aber eigentlich nie gewesen. Bei einer Größe von 1,70 Meter brachte sie 63 Kilogramm auf die Waage. „Ich habe mich trotzdem unwohl in meiner Haut gefühlt. Das Essen habe ich dann stark eingeschränkt und ziemlich schnell abgenommen. Körperlich ging es mir anfangs noch sehr gut. Ich verspürte eine Euphorie und sah in gewisser Weise einen neuen Sinn im Leben“, erinnert sich die heute 51-Jährige. Sie war damals in einen Strudel hineingeraten, aus dem sie nicht so schnell wieder herauskommen sollte. „Ich wurde immer zwanghafter, was mein Essverhalten anbelangt, habe mich fast nicht mehr getraut, etwas zu mir zu nehmen, Fett- oder Zuckerhaltiges war tabu. Ich habe das sehr radikal durchgezogen. Am Ende habe ich praktisch nichts mehr gegessen, vielleicht noch einen Apfel am Tag. Ich habe die Kontrolle verloren“, gibt Annick zu. Diese Erkenntnis sollte aber erst Jahre später kommen. „Auch als ich bereits stark untergewichtig war, hatte ich immer noch das Gefühl, dick zu sein. Ich hatte den Bezug zur Realität verloren“, erzählt sie. Zum Schluss hatte sie sich auf unter 40 Kilogramm heruntergehungert.

„Ich fühlte mich wie unter Drogen“

„Es ist eine Suchtkrankheit, die sich auf den Körper und auf den Geist auswirkt. Man macht sich ständig zwanghaft Gedanken übers Essen, übers Kalorienzählen, über Sport“, berichtet die 51-Jährige. Gleichzeitig habe sie sich immer mehr zurückgezogen: „Gemeinsame Mahlzeiten mit anderen waren nicht mehr möglich, weil ich Rituale rund ums Essen entwickelt hatte. Irgendwann konnte ich einfach nicht mehr in Kontakt mit anderen sein. Die Krankheit hat dies nicht mehr zugelassen. Meine Mutter hat sich bemüht und mir meine Lieblingsgerichte gekocht. Ich habe sie nicht angerührt, teils aggressiv reagiert. Es war eine schwere Zeit, auch für meine Familie. Eigentlich fühlte ich mich wie unter Drogen und habe niemanden mehr an mich rangelassen“, erinnert sich Annick.

Schuldgefühle nach einem Löffel Suppe

Ein kleiner Wendepunkt kam, als sie plötzlich regelmäßig ohnmächtig wurde und ihr bereits das Treppensteigen Probleme bereitete. „Ich hatte einfach keine Kraft mehr und habe schließlich den Arzt aufgesucht. Als ich mich vor ihm auszog, habe ich in ein richtig schockiertes Gesicht geblickt. Da habe ich mir zum ersten Mal eingestanden, dass ich womöglich ein Problem habe“, gesteht Annick. Fortan wollte sie wieder mehr essen. Dafür war es aber schon zu spät. „Nach einem Löffel Suppe hatte ich das Gefühl, wieder furchtbar dick zu werden. Trotzdem habe ich mich gezwungen, wurde dann wieder von Schuldgefühlen geplagt und habe erneut Diät gemacht“, bemerkt sie. „Das Problem war meine Besessenheit im Kopf, die eigentlich mit der Zeit noch schlimmer wurde. Ich war nie frei. Ich habe keine Freude mehr empfunden. Ständig war da dieser Zwang“, sagt sie. Phasenweise sei es besser gewesen, richtig gut jedoch nie. Selbst erkannte sie das aber damals nicht mehr: „Eigentlich habe ich 25 Jahre gebraucht, um endlich an den Punkt zu kommen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Richtig wachgerüttelt wurde ich erst, als ich erkannt habe, dass Magersucht eine tödliche Krankheit ist. Obwohl ich damals nicht mehr so untergewichtig war, habe ich gemerkt, dass ich innerlich wie tot war, ich habe keinerlei Lebensfreude mehr gespürt, Selbstmordgedanken bestimmten meinen Alltag. Magersucht ist eine progressive Krankheit, die letztendlich total zerstörerisch ist“.

Wendepunkt durch Selbsthilfegruppe

Heute geht es Annick gut. „Ich kann wieder alles essen und habe kein Untergewicht mehr. Ich habe es aus meiner Isolation herausgeschafft und fühle mich wieder mit anderen verbunden“, freut sie sich. Am meisten geholfen habe ihr der Besuch einer Selbsthilfegruppe für Magersüchtige und Bulimiker, die sich einmal pro Woche trifft. Seit elf Jahren geht sie regelmäßig hin. „Ich bin froh, dass ich mich darauf eingelassen habe. Ich war so verzweifelt und konnte mein Leben nicht mehr leben. Das Programm, an dem ich dann teilgenommen habe, hat mir sehr geholfen. Dieses stützt sich übrigens auf die zwölf Schritte der anonymen Alkoholiker. Unsere Probleme unterscheiden sich nicht so sehr voneinander. Auch ich kann heute sagen, dass ich trocken bin“, sagt Annick. Einfach sei es nicht gewesen, im Gegenteil. „Am Anfang litt ich unter starken Entzugserscheinungen. Nach jeder Kleinigkeit, die ich zu mir genommen habe, fühlte ich mich sofort wieder schrecklich dick. Mit der Zeit wurde es besser und ich habe gemerkt, dass ich wieder Lebenskraft schöpfte, ich fühlte mich stärker, fühlte mich wieder mit anderen verbunden, konnte wieder mit anderen Menschen zusammen essen. Das hat mir nicht nur die Augen sondern auch das Herz geöffnet. Ich habe mich nicht nur wieder mit anderen Menschen verbunden gefühlt, sondern mit dem Leben“, erklärt sie.

Lebenslange Krankheit

Die Selbsthilfegruppe besucht die 51-Jährige auch heute noch. „Magersucht ist eine Suchtkrankheit“, wiederholt sie, „es kann wohl zum Stillstand kommen, ganz verschwindet sie aber nie. Ich bleibe immer magersüchtig. Deshalb gehe ich zu den wöchentlichen Treffen. Es hilft mir. Wenn ich die Geschichten anderer Betroffenen höre, erinnere ich mich daran, wo ich einmal war und dass das immer ein Stück von mir bleibt. Ich muss immer etwas dafür tun, um meine Genesung zu pflegen und mein Leben in Ordnung zu halten“, gibt Annick zu bedenken, ist aber zuversichtlich, dass sie es schafft.

Die Selbsthilfegruppe für Betroffene trifft sich jeden Freitag von 18.30 bis 19.30 in Räumlichkeiten im ersten Stockwerk auf Nummer 100, rue de Hollerich. Tel.: 54 00 84