GEORGES ENGEL

Seit Vizepremier Etienne Schneider auf dem Neujahrsempfang der LSAP eine Arbeitszeitverkürzung angeregt hatte, wird hierzulande wieder intensiv über die Arbeitszeit diskutiert. Der Vorsitzende des parlamentarischen Ausschusses für Arbeit und Soziales, Georges Engel, freut sich über die Debatte.

„Mit Aussagen wie ‚D’35-Stonne-Woch kënnt net an d’Tut‘ oder ‚Ech gesi wierklech net iwwer wat do mat eis soll geschwat ginn‘ haben liberale Spitzenpolitiker und Wirtschaftsvertreter zu Beginn des Jahres versucht, eine politische und gesellschaftliche Debatte im Keim zu ersticken, nämlich die Debatte über die Zukunft der Arbeit.

Dass die klassische 40-Stunden-Woche nicht unmittelbar durch eine 35-Stunden-Woche ersetzt wird, dürfte wohl jedermann klar sein. Das war wohl auch nicht die Absicht, die Wirtschaftsminister Etienne Schneider mit seiner Aussage auf dem Neujahrsempfang der LSAP im Januar verfolgte. Es ging vielmehr darum, eine prinzipielle Debatte anzustoßen.

Tatsache ist nämlich, dass sich die Arbeitswelt über die vergangenen Jahre und Jahrzehnte hinweg permanent weiterentwickelt hat. Stichwort Industrialisierung, Automatisierung oder Informatisierung. Die Produktivitätssteigerungen, die mit dieser Entwicklung einhergegangen sind, haben es ermöglicht, die Arbeitszeit nach und nach zu reduzieren, soziale Rechte auszubauen und die Einkommen und den allgemeinen Lebensstandard der Bevölkerung zu steigern. Dieser soziale Fortschritt hat sich allerdings nie von alleine eingestellt. Er musste immer erstritten und zuweilen auch erkämpft werden. Viele Ideen, die irgendwann einmal als völlig utopisch galten, konnten später umgesetzt werden. Das Verdienst hierfür haben Menschen, die sich in den Gewerkschaften, in sozialen Bewegungen und in fortschrittlichen Parteien unermüdlich für diese Rechte und Freiheiten eingesetzt haben.

Vor diesem Hintergrund ist es umso unverständlicher, dass in Zeiten der Globalisierung, der digitalen Revolution, der Prekarisierung vieler Beschäftigungsverhältnisse und der Entstehung neuer sozialer Ungleichheiten, die Debatte über die Zukunft der Arbeit mit ein paar Tweets und Statements für beendet erklärt werden soll. Und umso wichtiger ist es, dass sich – unbeeindruckt davon – Akteure wie die Gewerkschaften und Berufskammern, der Wirtschafts- und Sozialrat, das Parlament und die Regierung, Parteien und Verbände mit dem Thema befassen und an neuen Modellen und Lösungen arbeiten.

Wenn die Arbeitgeberseite trotzig reagiert mit der Aussage, die Regierung habe hier ‚kein Entgegenkommen zu erwarten‘, dann zeugt das von Unkenntnis oder schlechtem Willen. Denn es geht überhaupt nicht darum, der Regierung entgegen zu kommen. Ein moderner Unternehmer müsste verstanden haben, dass sich die Zufriedenheit der Angestellten mit ihrer Arbeit positiv auf deren Kreativität, Produktivität und das gesamte Betriebsklima auswirkt, was letztendlich auch im Interesse des Arbeitgebers sein müsste. Das ‚Ende der Geschichte‘ ist auch in der Arbeitswelt noch nicht erreicht. Neue Technologien, die fortschreitende Digitalisierung, Themen wie Flexibilität, Arbeitszeitkonten, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Telearbeit, ‚lifelong learning‘ bleiben bis auf Weiteres auf der politischen Agenda.

Auch das Thema der Robotisierung, zu dem die sozialistische Europaabgeordnete Mady Delvaux kürzlich einen international vielbeachteten Bericht vorgelegt hat, wird nicht ohne Konsequenzen auf unsere Arbeitswelt bleiben, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen. Die Zukunft der Arbeit hat gerade erst begonnen. Anstatt die Debatte darüber abzuwürgen, sollten wir versuchen, die Herausforderung anzunehmen und zum Vorteil aller zu gestalten.“