PASCAL STEINWACHS

Wer sich am Dienstagabend die Mühe gemacht hat, bis halb zwölf aufzubleiben, um gemeinsam mit Arte auf die ersten hundert Tage von Jean-Claude Juncker in seinem neuen Amt als EU-Kommissionspräsident zurückzublicken, dem wird aufgefallen sein, dass aus dem einstigen Öffentlichkeitsweltmeister, der zu allem und jedem eine Meinung hatte und sogar Palästinenserpräsident Arafat schon begraben hatte, ehe dieser überhaupt gestorben war, in Zwischenzeit ein recht diskreter Geselle geworden ist. Und zwar derart diskret, dass er es bislang in Brüssel und Straßburg auf gerade einmal drei Pressekonferenzen und sieben so genannte „Press Points“ gebracht hat, was für einen Kommunikator seines Kalibers doch recht überschaubar ist.

Gut - in diesem Falle allerdings eher schlecht - in Erinnerung haben, dürfte Juncker indes seine Antrittspressekonferenz von Anfang November, brachen nach dieser doch keine 24 Stunden später die LuxLeaks-Enthüllungen über Juncker (und Luxemburg) herein, woraufhin der fuschneue Kommissionschef erst einmal fünf Tage lang von der Bildfläche entschwand, um dann erst nach einer gefüllten Ewigkeit im Europaparlament wiederaufzutauchen, um dort daran zu erinnern, dass Steuerrulings nicht nur in Luxemburg praktiziert werden.

In den ersten hundert Tagen seines Regnums, die neben LuxLeaks ja vor allem durch die Vorstellung des milliardenschweren Investitionsprogramm für mehr Wachstum geprägt waren, nahm Juncker dann auch insgesamt achtmal an einer Plenarsitzung des Europaparlaments in Straßburg teil, empfing 14 Staats- oder Regierungschefs im Brüsseler Berlaymont und reiste darüber hinaus auch fleißig um die Welt, aber irgendwie scheint das momentan in Europa - und auch hierzulande - keinen so richtig zu interessieren.

Wer Juncker kennt, der wird jedoch mit Freude zur Kenntnis genommen haben, dass dieser auch in seiner neuen Funktion nicht auf seine berühmt-berüchtigten
Knutschattacken verzichtet, die ihm inzwischen sogar eine eigene Webseite, „From Luxembourg with love“, eingebracht hat, auf der die Höhepunkte der Juncker‘schen Küsschen für die Ewigkeit festgehalten sind. Bundeskanzlerin Merkel, die am nächsten Mittwoch in Brüssel erwartet wird, dürfte dem Treffen dann auch jetzt schon mit einem gewissen Bangen entgegensehen.

Sämtliche Küssereien können aber nicht verhindern, dass Juncker als einer der mächtigsten Männer Europas einer breiten Öffentlichkeit immer noch unbekannt ist, aber dieses Schicksal dürfte er wohl mit den anderen Europachefs teilen. Donald Duck ist nämlich immer noch bekannter als Donald Tusk, und wer Martin Schulz oder Federica Mogherini ist, das dürften noch weniger Leute wissen.

In der Arte-Reportage wurde dann auch in Brüsseler Kneipen nachgefragt, ob sie denn wissen würden, wer Jean-Claude Juncker ist. Nein, nie gehört. Obama kannten aber alle, so dass das Bonmot der US-Außenministerlegende Henry Kissinger, wen er denn bitte anrufen soll, wenn er in Europa anrufen will, irgendwie immer noch seine Gültigkeit hat. Wer Varoufakis ist, das dürften dann schon mehr wissen, aber das ist dann wieder eine andere Geschichte...