LUXEMBURG
MARA KROTH

Das Startup MeGeno nutzt Genomsequenzierung zur personalisierten Gesundheitsprävention

Vor etwa drei Jahren kam das erste Mal die Idee auf, Genomsequenzierung zu privaten Zwecken zu nutzen. Dr. Erich Felber, 58, Mediziner aus München glaubt dafür in Luxemburg den richtigen Standort gefunden zu haben.

Erfahrung in der BioTech Industrie hat Felber bereits: 1993 gründete er das Unternehmen MicroMet, welches 2014 für 1,2 Milliarden Euro in die Hände amerikanischer Käufer ging. Nun widmet er sich seinem Unternehmen MeGeno, das er letztes Jahr gegründet hatte und das bis dato mit sechs Mitarbeitern in den Räumlichkeiten des „University of Luxembourg Incubator“ residiert.

Was genau bietet MeGeno an?

Erich Felber Beim Thema genetische Informationen entsteht oft der fälschliche Eindruck, unsere genetischen Informationen würden uns determinieren und wäre unser Schicksal. Das ist ein Irrglaube. Viele Dinge sind unveränderbar, wie zum Beispiel die Augenfarbe. Die meisten genetischen Veranlagungen für Erkrankungen sind jedoch in ihrer Ausprägung und ihrem zeitlichen Ablauf durch die Umwelt und das Verhalten veränderbar.

Wir sprechen also nicht von Schicksal, sondern von der Möglichkeit der zielgerichteten Prävention, die unsere genetischen Informationen uns liefern, um über einen längeren Zeitraum gesund zu bleiben. Wir sehen die Daten unseres Genoms als lebenslange nutzbare Ressource. Im Jahr 2000 wurde das erste Mal ein Genom komplett entschlüsselt, und das hat umgerechnet drei Milliarden Euro gekostet. Heute gibt es Maschinerien, mit denen man für rund 1.000 Euro die 3,2 Milliarden Buchstaben von jeweils Mutter und Vater entschlüsseln kann. Momentan wird die Genomsequenzierung nur bei seltenen Erkrankungen herangezogen, und auch nur der für die Krankheit relevante Abschnitt wird im Labor untersucht. Unser Ziel ist jedoch die personalisierte Prävention, die mit den eigenen genetischen Informationen betrieben werden kann.

Unser Unternehmen sieht die Erhebung und Speicherung der kompletten Genom-Sequenz vor, und das aus mehreren Gründen: Neben der primären Analyse des eigenen genetischen Materials und der Abklärung einer Erkrankung können die Informationen zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal herangezogen werden. Zum einen, um die Diagnose zukünftiger Erkrankungen zu erleichtern, zum anderen, um den Ansatz der personalisierten Prävention zu ermöglichen, hier denken wir nachhaltig. Hinzu kommt, dass Genetik immer Family Business ist, denn genetische Erkrankungen betreffen ganze Familien, nicht ausschließlich das Individuum. Hier gilt meistens: Wenn Menschen erkranken und ihr familiäres Umfeld betroffen ist, dann sind sie bereit, Forschung in diesem Bereich durch Weitergabe ihrer Daten zu fördern. Wir wollen sie dabei unterstützen und die Daten der Sequenzierung und der jeweiligen Krankheitsausprägung so aufbereiten, dass sie ohne Verletzung der Privatsphäre für die Forschung eingesetzt werden können.

Können Sie ein Beispiel eines Kunden geben, der Ihr Angebot nutzen würde?

Felber Gerne. Prinzipiell kann jeder von uns Prävention durch Sport und gesunde Ernährung betreiben. Wir wollen jedoch zusätzlich die individuellen, genetisch gegebenen und familiären Risikosituationen erkennen und speziell darauf eingehen.

Bei der familiären Hypercholesterinämie beispielsweise hätte ein Junge die 50-prozentige Wahrscheinlichkeit, im Alter von etwa 50 Jahren bereits einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten zu haben. Die Erkrankung wird in den meisten Fällen durch Veränderungen an einem von drei Genen verursacht, bei 250 Menschen ist eine Person davon betroffen, das wären insgesamt an die 2.000 Personen in Luxemburg. Bis zu 90 Prozent der Betroffenen wissen nicht von dieser Mutation, sie ist jedoch rechtzeitig erkennbar und kann bei Jugendlichen schon medikamentös und durch Anpassung der Ernährung behandelt werden. In frühen Jahren könnten diese krankmachenden Prozesse an den Gefäßen also schon verhindert werden. Diese Menschen haben dann eine ganz normale Lebenserwartung.

Wieso werden solche Verfahren nicht schon grundsätzlich durchgeführt?

Felber Die Problematik besteht darin, dass nicht jedes Individuum mit Risikofaktor zu einem medizinischen Fall erklärt werden kann. Das Gesundheitssystem könnte das nicht stemmen.

Wir müssen hier also neue Wege und Möglichkeiten finden. MeGeno will zusätzlich Daten gewinnen, bei deren Gewinnung das Individuum miteinbezogen wird. Wir können mit dem Individuum in Dialog treten und, bezogen auf eine persönliche Risikokonstellation, die medizinische Vorgeschichte erheben. Liegen beispielsweise Veränderungen an Genen vor, die den Herzrhythmus beeinflussen, so sollten zur medizinischen Familiengeschichte besondere Fragen gestellt werden wie etwa: „Hatten Sie oder andere Familienmitglieder jemals Episoden mit Herzrasen oder Ohnmacht? Gab es in der Familie plötzliche oder ungeklärte Todesfälle?“

Diese Daten sind einfach zu erheben und müssen zusammen mit genetischen Daten betrachtet werden. Daraus ergibt sich dann gegebenenfalls die Notwendigkeit, weitere Instrumente zur Erhebung von Daten einzusetzen.

Um welche Instrumente handelt es sich?

Felber Es gibt eine Reihe von Methoden, die breit in der Bevölkerung eingesetzt werden können. So gewinnen täglich Millionen von Menschen einen Blutstropfen aus der Fingerbeere, um daraus den aktuellen Blutzucker zu bestimmen. Auf einem Filterpapier getrocknet kann der Blutstropfen aber auch per Briefpost an ein Zentrallabor geschickt werden und dort die Messung verschiedenster Parameter ermöglichen.

Was MeGeno vorhat, benötigt noch weitere Forschung und Entwicklung. Wir sind noch nicht im Stande, morgen einer Person personalisierte Gesundheitsüberwachung und Empfehlungen zur Prävention zu verkaufen. Da geht es eher um ein langfristiges Ziel.

Wieso haben Sie sich für den Standort Luxemburg entschieden?

Felber Für die Umsetzung MeGenos waren zwei Dinge von Bedeutung. Als erstes der richtige Zeitpunkt, denn das Gebiet der Genomsequenzierung entwickelt sich sehr schnell. 2017 war es dann absehbar, dass eine neue Generation von Sequenziermaschinen im großen Stile Anwendungen in der klinischen Diagnostik und der Forschung ermöglichen würde. Wir haben deshalb im Juni letzten Jahres die Entwicklungsarbeiten begonnen und beschäftigen jetzt sechs Mitarbeiter. Aufgrund von Standortvorteilen bin ich extra nach Luxemburg gekommen. Nicht nur, weil das Land eine exzellente wissenschaftliche Infrastruktur im Bereich der systemischen Biomedizin aufgebaut hat, sondern weil Luxemburg ganz besondere Fähigkeiten und Infrastruktur im Bereich der Datensicherheit aufweist. Es besteht darüber hinaus auch die Bereitschaft, Innovationen im Rechtsbereich einzuführen, um neuen wirtschaftlichen und auch gesellschaftlichen Chancen gerecht zu werden. Eine wichtige Rolle hat auch der „University of Luxembourg Incubator“; wir sind dankbar, in dessen Obhut und Räumlichkeiten untergekommen zu sein.

Eine wesentliche Komponente für uns macht folglich auch das weitere unternehmerische Umfeld für Startups aus, welches in den letzten Jahren in Luxemburg geschaffen wurde und das sich schnell fortentwickelt. Wir glauben, mit unseren Aktivitäten auch zu diesem Ökosystem insbesondere für Life Science-Unternehmen beitragen zu können.