LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Ex-SREL-Agent André Kemmer schildert die Geheimdienst-Affäre aus seiner Sicht

Was genau trieb den ehemaligen Geheimdienstchef Marco Mille an, im Januar 2007 ein Gespräch mit seinem Vorgesetzten, Staatsminister Juncker, heimlich aufzuzeichnen? Diese Frage ist bis heute nicht vollauf beantwortet und es bohrt auch niemand mehr nach, denn ein Verfahren gegen Mille wird es nie geben: Die Sache ist längst verjährt. Sie steht nun aber wieder im Fokus der Aktualität nachdem das Magazin „Paperjam“ gestern ein zwölfseitiges Schriftstück veröffentlichte, in dem der Polizist und ehemalige Geheimdienst-Agent André Kemmer von der Episode erzählt.

Gibt es den Mitschnitt des „Bommeleeër“- Gesprächs Juncker/Großherzog?

Der derzeit vom Dienst suspendierte Kemmer, gegen den im Rahmen der unter anderem vom parlamentarischen SREL-Untersuchungsausschuss enthüllten Dysfunktionen im Geheimdienst ermittelt wird, erzählt in seinem Schreiben von der CD, auf der angeblich die Aufzeichnung eines Gesprächs zwischen Juncker und Großherzog zum Thema „Bommeleeër“ sein soll.

Ein Gespräch, dass stattgefunden haben soll nachdem der damalige Premier 2005 den mittlerweile verstorbenen Zeugen empfing, der Prinz Jean am Tag des Attentats auf den Findel gesehen haben will. Ein Gespräch, bei dem der Großherzog das Verhalten Junckers in dieser Angelegenheit kritisiert habe, aber auch über Interna der CSV, eine Finanzaffäre und ein Gespräch zwischen Juncker und dem damaligen EZB-Präsident Jean-Claude Trichet über Finanzangelegenheiten erwähnt habe. „Von da an begann ein konspiratives Spiel, das bis heute anhält und niemand wusste, was zu tun war“, schreibt Kemmer, der gestern übrigens gegenüber RTL bestätigte, der Urheber des Dokuments zu sein, das nur als Notiz an seinen Anwalt gedacht gewesen sei.

Den „Paperjam“-Artikel wollten er und sein Rechtsberater laut RTL nicht kommentieren. Laut Kemmer habe der Chiffrier-Spezialist Loris Mariotto ihm gegenüber geschildert, dass zwei Mitarbeiter der großherzoglichen Familie ihn besuchten, um die Aufnahme weiter verschlüsseln zu lassen. Mariotto habe die Daten ohne Wissen der Kunden auf seinen Computer geladen.

Irgendwann habe Mariotto seinem Freund Kemmer die Information anvertraut. Dessen Chef Mille habe ihn dann gebeten, an die ominöse CD zu kommen, die Mariotto ihnen allerdings nie vorgespielt hat und der SREL nicht knacken konnte. Nachdem er in den Besitz der Information über die mögliche Existenz eines Mitschnitts des besagten Gesprächs Juncker/Großherzog gelangte, habe Mille sich an den Staatsminister gewandt. Eines Abends sei er gemeinsam mit SREL-Operationsleiter Frank Schneider und André Kemmer in Junckers Büro gegangen.

„Ich ficke, wo, wen, und wann ich will“

„Juncker war stockbetrunken, bestellte sich zwei Espresso und bat uns am Tisch Platz zu nehmen“, beschreibt Kemmer die Szene, „ohne einleitende Worte fing er an, Mille zu beleidigen: „Ich ficke, wo, wen, und wann ich will, hast du mich verstanden. Auch du könntest ficken, aber du kannst es ja gar nicht, deine deutsche Genauigkeit... verbietet es dir. Während zirka fünf Minuten setzte Juncker seine massiven Beleidigungen gegen Mille fort, die ich hier aus moralischen Bedenken nicht näher schildern möchte“. Die Beziehungen zwischen Juncker und Mille seien von dem Moment an zerrüttet gewesen. Juncker habe die CD als Fälschung bezeichnet; Kemmer allerdings habe er aufgefordert, die CD zu beschaffen, wobei er bestätigte, dass im Gespräch mit dem Großherzog tatsächlich ein gewisses Wort gefallen sei. Bei einem weiteren Treffen mit Juncker in Sachen CD trug Mille dann die präparierte Uhr.

„Die „Bommeleeër“-Affäre istder Ursprung des Versagens“ des SREL

Dieses Gespräch, von dem es mehrere Kopien gab, war bekanntlich im vergangenen November an die Öffentlichkeit gedrungen. Am Ende habe Kemmer Junckers ehemaligen Fahrer und Leibwächter Roger Mandé darüber in Kenntnis gesetzt. Die Fortsetzung der Geschichte ist im Bericht des parlamentarischen Ermittlungsausschuss nachzulesen. „Als Geheimdienst haben wir versagt“, so Kemmer am Ende seiner Ausführungen. „Die „Bommeleeër“-Affäre ist der Ursprung dieses Versagens. Wenn Richter und Politiker nicht willens sind, aus welchen fragwürdigen Gründen auch immer, eine Affäre beizulegen, gerät ein Geheimdienst irgendwann unter Druck oder macht sich selbständig“.

Die CSV-Fraktion antwortete gestern nicht auf unsere Bitte um eine Stellungnahme ihres Vorsitzenden. Jean-Claude Juncker bliebt gestern auch der ersten Sitzung des neuen Geheimdienstkontrollausschuss fern. Der Präsident der größten Oppositionsfraktion hatte bereits erklärt dessen Vorsitz nicht übernehmen zu wollen. Dazu muss das Geheimdienstgesetz allerdings geändert werden. Das soll bis Januar geschehen. Die Mitglieder des Ausschuss, die gestern auch über die Konsequenzen aus der Arbeit der „Enquête“-Kommission diskutierten, wollten die Enthüllungen von Kemmer nicht kommentieren.