TRIER
GERHARD KLUTH

Thomaskantor und Breakdancer trafen sich in Trier

Nicht das Kurfürstliche Palais in Trier oder das altehrwürdige Kloster Machern, der Geburtsort des Mosel Musikfestivals (MMF) waren der Schauplatz des bisher besuchermäßig größten Erfolges, den das Festival in seinen Analen vermerken darf. Es war die Arena in Trier. Ein Ort, den man für klassische Konzerte eher erst in zweiter Linie in Betracht zieht. Über 2.700 Besucher kamen in die Trierer Multifunktionshalle. Von acht bis 80 war alles vertreten. Es waren viele Besucher da, von denen man annehmen darf, dass sie sonst keine Besucher des MMF sind.

Alle waren gekommen, um Bach zu hören. Auf dem Programm standen die ersten 12 Präludien und Fugen des Wohltemperierten Klaviers. Live auf Klavier (Christoph Hagel) und Cembalo (Sabina Chukurova) interpretiert und in verfremdeten Versionen eingespielt. Oder waren sie da, um die Truppe Flying Steps zu erleben, die mit ihrem Programm „Red Bull Flying Bach“ die Musik mit ihrem atemberaubenden Breakdance begleiteten? Sicherlich - so mancher eingefleischte Klassikkonsument wird einiges an dem Abend auszusetzen haben. Die musikalischen Interpretationen ließen manche Wünsche offen, gingen oftmals nicht tief genug. Die Klangqualität insbesondere des Cembalos war sehr mäßig, klang sehr konservenhaft. Und die Atmosphäre war alles andere, als dazu angetan, die Augen zu schließen und sich in die Musik zu versenken. Nicht zu vergessen die teilweise scheppernden Lautsprecher, die bei den eingespielten Passagen wirklich kein Vergnügen bereiteten. Alles Punkte, die man als Kritik anbringen kann. Andererseits aber konnten auch die Bachverehrer nicht wegdiskutieren, dass die Performance, die Flying Step bot, nicht nur atemberaubend wegen ihrer akrobatischen Leistungen war. Das visuelle Erleben der Bachkompositionen erlaubte auch neue Einsichten in die Tonsprache des barocken Meisters. Die Choreografie von Flying Steps Mitglied Vartan Bassil lenkte vielleicht manchen ab, bot aber auch die Chance zu neuen Betrachtungsweisen. Wer bereit war, sich zu öffnen, dem flog ein völlig neuer Bach zu.

Natürlich darf MMF-Intendant Hermann Lewen stolz darauf sein, dass dieses Konzert auf der Welttournee von Flying Steps (seit dem 3. Mai) den bisher größten Besucherstrom erlebte. Aber vielleicht waren ja andere Aspekte dieses Abends viel wichtiger. Etwa die jungen Menschen, denen Bach bisher doch sehr fremd war und die jetzt auf einmal staunten, was denn da alles drin steckt. Die den elektronischen Breakdance-Sound hörten und gerade gespielte Cembalomusik wider erkannten. Der Abend war sicherlich ein Happening, das auf den ersten Blick nur bedingt in einen Festivalkatalog der klassischen Musik passte. Wenn es aber Türen geöffnet hat, durch die sich Jung und Alt, Klassik und Moderne begegnen können, dann war der Abend für alle Seiten ein Erfolg.Die minutenlangen, stehenden Ovationen, das Pfeifen und Johlen des Publikums, der nicht enden wollende Applaus, sprachen hier eine deutliche Sprache. Für Bach, für Flying Steps und für das MMF. Gut so.