DÜDELINGEN
JAN SÖFJER

Die Pflegestation für wilde Tiere in Düdelingen wird ausgebaut und erhält professionellere Strukturen - auf Kosten der Tochter des Gründers

Carole François war 19 Jahre alt, als ihr Vater Jean anfing, 1988 verletzte Wildtiere zu Hause im Keller aufzupäppeln. Wenn er bei der Arbeit war, kümmerten sich ihre Mutter und sie um die Tiere. Recht schnell war auch ein anderes Mädchen dabei: Tessy Koster. 27 Jahre später haben sich die beiden immer noch um verletzten Tiere gekümmert: in der Pflegestation für wilde Tiere in Düdelingen, die ihren Anfang im Keller nahm. Die beiden Freundinnen leiteteten die Station neben ihrer Arbeit ehrenamtlich. Doch das ist nun vorbei. Es kam zum Eklat mit dem offiziellen Träger der Station, dem Umweltverband „natur & ëmwelt“.

„Die Station ist das Opfer ihres eigenen Erfolges geworden“, sagt der Präsident von „natur & ëmwelt“, Roby Biwer, und die Wortwahl deutete recht gut an, dass etwas furchtbar schief gelaufen ist. Dabei war es, wie es so oft ist, nur guter Wille, der zum Drama führte.

Station war nie für so viele Tiere ausgelegt

2.000 Tiere werden mittlerweile jedes Jahr in der Station versorgt, aufgepäppelt und wieder in die Wildnis entlassen. Eine gewaltige Menge. „Die Station war für diese Massen nie ausgelegt“, sagt Biwer. Das merkten natürlich auch François und Koster, aber „früher wollte man davon nichts wissen“, sagt François, erst als die Station groß und populär wurde und in der Presse auftauchte. Der Höhepunkt war 2014, als das „Atelier“ die Patenschaft für ein Fuchsbaby übernahm, um ihn zum Maskottchen des „Rock-A-Field“-Festivals zu machen: Rafi, benannt nach den Anfangsbuchstaben des Festivals.

Wer Bilder oder Handyvideos von Rafi sieht, merkt schnell, was für ein schönes, verspieltes Tier er ist. Carole François hat ihn als Baby mit der Flasche aufgezogen. Spaziergänger fanden es im Wald. So etwas schafft Nähe. François hat bei Rafi aber dennoch darauf geachtet, dass er nicht zu zutraulich zu Menschen wird. Und am Ende hat sie ihn wieder in die Wildnis entlassen. Dennoch wurde François vorgeworfen, „dass wir mit zu viel Herz bei der Sache sind“. Roby Biwer sagt: „Man kann einen Fuchs nicht als Kuscheltier betrachten.“

Biwer trat vor zweieinhalb Jahren sein Amt als Präsident des Naturverbandes an und ihm wurde schnell klar, dass man die Station ausbauen und modernisieren muss. Nicht zuletzt, um die Lizenz des Umweltministeriums für den Betrieb nicht zu gefährden, die alle zwei Jahre erneuert werden muss. Im Laufe dieses Jahres wurden dann verschiedene Experten nach Düdelingen eingeladen, um Ratschläge für Verbesserungen zu geben. Darunter der Betreiber einer ähnlichen Einrichtung aus dem Saarland, Biologen der Vogelschutzwarte Frankfurt am Main sowie Vertreter des Umweltministeriums, der Veterinärinspektion und der Natur- und Forstverwaltung. Die Verbesserungsliste wurde lang.

Die ehemalige Helferin wird zur Vorgesetzen

Die beiden Leiterinnen freuten sich, dass etwas passiert. Auch, als sie gefragt wurden, ob eine „Koordinatorin“ eingestellt werden soll, die sich unter anderem um Bürokratisches kümmern soll. Am 1. August trat Marie Kayser die Stelle an, eine promovierte Zoologin. François und Koster kannten sie, da sie früher auch als ehrenamtliche Helferin an Bord war. Doch dann fiel ein Monat später eine kritische Entscheidung: Der Verwaltungsrat von „natur & ëmwelt“ wandelte Kaysers Position um in die einer Direktorin, weil „wir der Meinung waren, dass sie Verantwortung übernehmen muss“, sagt Biwer. Die bisherigen Leiterinnen waren damit abberufen.

„Wir wurden überrumpelt“, sagt François. Und Kayser nutzte ihre neue Macht, wie François sagt: „Zuerst sagte sie, wie machen alles miteinander, aber dann kam sehr markant die Chefin durch.“ Die ehemalige Helferin, kaum 30 Jahre alt, sagt auf einmal, wo es langgeht. Näher vertiefen möchte François es nicht, aber das Vertrauensverhältnis war zerstört. Biwer bedauert das sehr. Er wünscht sich nach wie vor, dass die beiden doch dabei bleiben.

Dan Biancalana, der Bürgermeister der Gemeinde Düdelingen, der das Grundstück der Station gehört, soll nun vermitteln. Doch die Fronten sind bereits gezogen. Derweil bekommt die Station vielleicht schon demnächst mehr Land. Das Areal der Station soll von 37 Ar auf 122 Ar wachsen. Von der alten Keller-Atmosphäre wird dann nichts mehr zu spüren sein. 

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Knurren und Beißen: ein Kommentar von Jan Söfjer

Die Pflegestation für wilde Tiere in Düdelingen verliert ihre beiden bisherigen Leiterinnen, Carole François und Tessy Koster. Das ist insofern traurig, als dass François die Tochter des Stationsgründers Jean François ist und die Station ihre Lebensaufgabe war - auch oder gerade, weil sie das aus Herzblut ehrenamtlich neben ihrem Beruf ausgeübt hat. Der Träger der Station, der Naturverband „natur & ëmwelt“, baut nun die Station aus und schafft professionellere Strukturen. Das ist ein überfälliger Schritt. Dabei wurde allerdings ein kritischer Fehler begannen.

Den beiden langjährigen ehrenamtlichen Leiterinnen wurde zuerst eine angestellte Koordinatorin an die Seite gestellt, die dann plötzlich ohne Absprache mit den bisherigen Leiterinnen zur Direktorin ernannt wurde. Das war ein Schlag ins Gesicht. Wenn „natur & ëmwelt“-Präsident Roby Biwer nun sagt, er bedaure es zutiefst, dass sie nicht an Bord bleiben wollen, verkennt oder ignoriert er, dass er selber mit der Hauruck-Aktion des Chefinnenwechsels für den Konflikt mitverantwortlich ist.

Statt die beiden Leiterinnen kurzerhand ihres Amtes zu entheben, hätte man eine andere Konstruktion, eine andere gleichberechtigtere Aufteilung der Verantwortung finden können. Mit dem hierarchischen Durchgreifen wurde das viel beschworeren gemeinsame Miteinander zerstört.