NORA SCHLEICH

Zu Platons Zeiten herrschte in den griechischen politischen Gefilden ein ungefähr gleiches Wechselspiel, wie dies momentan in der gesamten europäischen Landschaft zu beobachten ist.

Den Vater der antiken Philosophie plagten aber tatsächlich auch ganz alltägliche Sorgen, von denen auch die twenty-first century citizens ein Lied singen können. Die politische Landschaft der griechischen Stadt Athen zeugt(e) von einer prägnanten Wechselhaftigkeit und Hinfälligkeit ihrer Strukturen, welches dem Bürger weder ein Gefühl der Sicherheit oder des Fortschritts vermitteln konnte. In der Polis kam es ständig zu neuen Verträgen mit anderen Bündnispartnern, und die Verfassungen wurden immer wieder revidiert und neu aufgesetzt. Der normale Durchschnittsgrieche konnte nicht mehr verstehen, was die Polis nun eigentlich entschied. Für was die Polis eintreten wollte. Wer die Polis eigentlich war, und vor allem - für wen sie war. So ist es nahezu nur folgerichtig, dass Unverständnis, Gram und Sehnsucht nach einem besseren Umfeld die Menschen von damals geißelten.

Ich denke, die Parallelen zum heutigen politischen Desaster in Europa tun sich bereits deutlich hervor. Der Wechsel von links zu rechts, von liberal zu sozial, von naiver Mitleidspolitik hin zur radikalen Wehrmachtspropaganda, alles ist vorhanden. Das Spektrum der politischen Richtungen ist so chamäleonfarben wie lange nicht mehr. Ständig gibt es Akzentverschiebungen, die dem Bürger deutlich machen sollen, welche Angelegenheit momentan die wichtigste sein muss. Bankensanierung, Flüchtlingsrettung, Flüchtlingsabschiebung, Klima… Diese wichtigen Thematiken sind natürlich von elementarer Bedeutsamkeit für die Weltgemeinschaft, jedoch werden diese komplexen Inhalte derart manipuliert und dekliniert, je nach politischer Farbgebung, dass dem Außenstehenden die Möglichkeit zum Verständnis kaum gegeben wird.

Diese Umstände, die sich in der Polis wohl in ähnlicher Manier aufgetan haben, dürften in einigen von Platons Gedanken federführend gewesen sein, als er an den Reflexionen zu seiner berühmten Ideenlehre arbeitete. Nach Platon heißt es, dass es einen übergreifenden, stabilen und wohlgeordneten Kosmos gäbe, an welchem das ständig wild wechselnde Weltliche einen Anteil hat. Dieser Kosmos ist das Reich der Ideen, welche nicht bloß von uns gedanklich zur Regulierung unseres alltäglichen Verständnisses konstruiert wurden, sondern als metaphysische Instanzen zu deuten sind, welche die gesamte Wirklichkeit in sich umfassen. Alles, was wir als irdische Gegebenheiten ansehen, sind nur Abbilder ihres Urbildes, ihrer Idee. Also wird der unruhestiftende Umstand des Lebens in einer vergänglichen und stets wechselnden Welt damit besänftigt, dass es ein großes Ganzes gibt, welches das irdische Chaos doch irgendwie zusammen hält.

Wohl scheint es mir, als sei ‚Europa‘ auch so eine Art platonischer Idee. In ihr zum Ausdruck kommen sollen große gewichtige Konzepte wie unter anderem Sicherheit, Freiheit, Weltbürgertum, Gleichheit und Respekt. Das irdische Europa präsentiert sich aber leider momentan nicht so, als hätte es wahrhaft an diesen Idealen teil, obwohl dies doch mitunter noch immer recht häufig gepredigt wird, mehr oder minder erfolgreich. Um uns herum herrscht Chaos, Gewalt, Unverständnis und Angst. Es war uns schon lange nicht mehr so klar, dass die Sicherheit, in der wir uns zu wägen dachten, nicht wirklich gegeben ist. Die Freiheit, die wir Europäer in fast unverschämter Selbstverständlichkeit zu unserem Slogan machten, ist flüchtig wie noch nie. Moral und Respekt sind aus dem Alltag oftmals verbannt, und das hochgelobte Weltbürgertum, nach dem wir alle gleichberechtigte Bürger unserer Welt sein sollen, ist dem Untergang geweiht, gleich den etlichen Booten in den Fluten des Mittelmeeres.

Die Konsequenz dieses unheilbringenden ständigen Wechsels an politischen Richtlinien bringt weiterhin nichts als Destabilisierung. Was sind unsere Grundwerte, an denen jeder, egal welcher Couleur, sich orientieren wollte? Sind es nicht diese Ideen der Freiheit und Gleichheit, nach den die Entscheidungen gerichtet sein sollen, und keinesfalls wirtschaftliche oder private Interessen? Es müsste gleich sein, wer des Königs Thron übernimmt, weil ein jeder sich momentan zunächst der Sanierung des Sockels widmen muss. Noch nie zuvor war es so wichtig, sich gemeinsam auf einen Grund zu besinnen und Europa wieder zu dem zu machen, was es für uns sein soll: Eine Stabilität gewährende, notwendige Richtschnur für ein friedvolles Zusammenleben!

Vielleicht besteht jetzt noch eine Chance darin, der Flüchtigkeit zu trotzen, ehe die Flüchtigkeit auch uns zu Flüchtlingen macht, wie es bereits in weiten Teilen der Welt geschehen ist.