LUXEMBURGSVEN WOHL

Literaturkritik: „Armagnac“ von Josy Braun

Josy Brauns letztes Werk „Armagnac“, das nun posthum erschienen ist, lässt schnell Hoffnungen wach werden: Es ist gut geschrieben, der Plot findet einen spannenden Anfang und die Länge lässt vermuten, dass die Spannungskurve einer wahren Achterbahnfahrt entspricht. Doch alle Hoffnungen inhaltlicher Natur werden, Schlag auf Schlag, enttäuscht. Schade, denn die Feder von Josy Braun hätte hier einiges leisten können.

Hohes Niveau, mäßiger Plot

Das Niveau der luxemburgischen Sprache, wie sie hier zu finden ist, stellt eine regelrechte Rarität dar. Fast so rar, wie der Armagnac - so werden Cognacs genannt, die über zehn Jahre auf dem Buckel haben. Ein verstecktes Lager für solchen Armagnac befindet sich hier im Zentrum des Plots.

Da tritt der Protagonist schon mal in den Hintergrund: Die Hauptfigur, Basil Roemen, erhält aus einem Grab einen alten, eigentlich unscheinbaren, Knopf und stößt damit auf eine alte Mordaffäre, bei der das Motiv des Mörders nie wirklich geklärt wurde. Es stellt sich heraus, dass ein verstecktes Lager mit Armagnac damals die Ursache für das Verbrechen war. Armagnac war in den 1970er Jahren, in denen diese Geschichte spielt, bereits sehr teuer und dementsprechend
begehrt.

Da sich Plot und Erzähler stur auf den Armagnac anstelle des Protagonisten konzentrieren, ergibt sich auch eine eher untypische Struktur für die Geschichte, die leider sämtliche Schwächen in sich birgt, die der Erzählung so sehr schaden.

Strukturelle Schwächen

Der ursprüngliche, funktionierende Spannungsbogen, hält gerade einmal die ersten 90 der insgesamt 120 Seiten aus. Danach fragen sich die Leser, was da eigentlich noch kommt, denn das eigentliche Konfliktpotenzial geht abhanden. Dadurch wird klar, dass sich eben nicht Basil Roemen im Zentrum der Erzählung befindet, sondern der Armagnac. Dies führt leider auch dazu, dass Basil Roemen keine besonders interessante oder komplexe Figur abgibt, sondern nur wie eine Schablone wirkt. Nicht einmal als Projektionsfläche kann er vernünftig herhalten, zudem wirkt er stellenweise in seinem Handeln wenig nachvollziehbar. Eigentlich steht er nur im Dienst des Plots, der funktional auseinanderbricht, sobald Roemen nicht mehr die Hauptrolle spielt. Somit hinterlässt auch der Schluss einen sehr bitteren Nebengeschmack, denn unter dem Strich kommt bei der ganzen Affäre nichts Nennenswertes heraus. Roemen macht keine charakterliche Entwicklung durch, die Spur des Armagnac verläuft im Sand und am Ende bleibt nur ein wenig Gemurre. Der ganzen Geschichte mangelt es damit an dem notwendigen Gewicht.

Schwache Perspektive

Eine einzige Enttäuschung für die Leser, die ihre Zeit in dieses gut geschriebene, aber nur mäßig spannende Buch gesteckt haben. Auch die Erzählperspektive wirkt altmodisch distanziert, gibt zu wenig direkte Eindrücke wieder und lässt viele Gedankengänge oft nur erahnen.

Sicherlich klingt dies streng, funktionieren die ersten drei Viertel des Buchs gut genug, aber was sich in der Erinnerung bei den Lesern festsetzt ist der Eindruck, dass „Armagnac“ nicht die Mühe wert war, gelesen zu werden. Schade, denn mit einigen erzählerischen Handgriffen wäre hier mehr möglich gewesen. Wären die letzten 40 Seiten etwa bei gleichem Inhalt auf 20 gekürzt worden, wäre das Tempo stimmiger gewesen und damit die Erzählung auch wesentlich ausgeglichener. Einen Blick ist der Roman jedoch aus stilistischer Hinsicht durchaus Wert, wirkt die Sprache Brauns doch einmalig.