MERSCH
SIMONE MOLITOR

Literaturhaus, Archiv und Forschungsinstitut unter einem Dach in Mersch

Wer an Forschung denkt, dem kommt wohl in erster Linie folgendes Bild in den Sinn: Ein Wissenschaftler sitzt in seinem weißen Kittel in einem sterilen Labor über ein Mikroskop gebeugt. Weder Reagenzgläser noch Mikroskope oder weiße Kittel kommen jedoch beispielsweise im Merscher „Centre National de Littérature“ (CNL) zum Einsatz. Nicht weniger wird aber dort geforscht. Direktor Claude D. Conter erklärt, wie die Forschungsarbeit der wissenschaftlichen Mitarbeiter im nationalen Literaturzentrum aussieht.

„Es laufen immer eine Reihe von Projekten parallel“, sagt Claude D. Conter. Wenn neues Material ankommt, gilt es dieses zu archivieren, was aber einen gewissen Arbeitsaufwand bedeutet. „Zuerst wird das Material in bestimmte Kategorien sortiert, dann katalogisiert und ist am Ende zugänglich für die Forscher und die breite Öffentlichkeit. Diese Arbeit kostet natürlich Zeit. Einen Brief zu katalogisieren, kann schon mal bis zu zehn Minuten in Anspruch nehmen. Nun kommt aber nicht nur ein einzelner Brief rein, sondern ein ganzer Fundus an Dokumenten, der schon
mal aus 1.000 Schriftstücken bestehen kann“, erklärt der Direktor.

Drei Ausstellungen in Arbeit

Jeder wissenschaftliche Mitarbeiter arbeitet daneben an konkreten Projekten. „Momentan bereiten wir drei Ausstellungen vor, zwei davon werden bei uns im Haus gezeigt und eine ab dem 11. März in Deutschland. Das ist übrigens ein klares Zeichen dafür, dass unsere Forschungen nicht nur auf nationalem Plan anerkannt sind, sondern auch international Interesse besteht. Der Forscher, der sich nun um eine Ausstellung kümmert, muss sich genau überlegen, was gezeigt werden soll, wer die Adressaten sind, welche Geschichte anhand der Exponate erzählt werden soll und wie neue Erkenntnisse gefördert werden können. Dann geht es an die Recherche, die sich natürlich nicht nur auf unser Archiv beschränkt. Manchmal nimmt man auch Kontakt zu den Autoren auf. Wurde schon einmal etwas zum gleichen Thema veröffentlicht, muss die bestehende Literatur gelesen werden. Derzeit bereiten wir beispielsweise eine Ausstellung über den Ersten Weltkrieg vor. Zu diesem Thema erscheinen momentan viele Bücher mit teils neuen Erkenntnissen. Diese gilt es natürlich zu beachten und möglicherweise mit einfließen zu lassen“, erläutert Conter.

Briefe für Außenstehende verständlich machen

Andere wissenschaftliche Mitarbeiter sind in Editionsprojekte involviert. „Wir sind gerade dabei, die Briefe von Edmond Dune zu veröffentlichen. In einem ersten Schritt müssen diese Briefe alle transkribiert, also entziffert werden. Danach geht es darum, sie nach eingehender Recherche zu kommentieren, damit auch ein Fremder den Inhalt versteht. In einem letzten Schritt muss dann noch überlegt werden, wie das Ganze präsentiert werden soll. Wesentlicher Bestandteil der Arbeit eines Literaturwissenschaftlers ist es außerdem, den Inhalt des Dokuments in einen literaturhistorischen manchmal auch politischen und sozialen Kontext zu setzen. Ist eine Erzählung in den 1930er Jahren entstanden, muss nachgeforscht werden, was zu jener Zeit in der Literatur in Luxemburg thematisiert wurde und ob es folglich Besonderheiten in dieser Erzählung gibt“, berichtet der Literaturwissenschaftler.

Bis zu zwei Jahre Arbeit vor einer Ausstellungseröffnung

Klingt nach einer Menge Arbeit, ist es auch: „Ausstellungen und Bücher werden bereits lange vor der Veröffentlichung geplant bzw. in Angriff genommen. Von der Idee bis zur Umsetzung einer Ausstellung mit Katalog (zwecks Festhalten der Forschungsergebnisse) verstreichen in der Regel gut anderthalb bis zwei Jahre“, gibt Conter zu bedenken.

Schwerpunkt der Arbeit im CNL bildet ganz klar die Literatur in Luxemburg, und zwar unabhängig von der Sprache, in der die Dokumente verfasst sind. „Das Phänomen dieser Mehrsprachigkeit in der Literatur eines Landes stößt auch im Ausland auf großes Interesse. Mittlerweile kommen sogar Forscher aus Japan nach Luxemburg, um sich mit der luxemburgischen Sprache und Literatur zu beschäftigen. Wir sind sozusagen Gastgeber für externe Forscher“, freut sich der Direktor.

An Luxemburgs Schulen wird die nationale Literatur indes eher stiefmütterlich behandelt und steht nicht auf dem Lehrplan, was der Direktor des Literaturzentrums sehr bedauert. Eines der künftigen Ziele besteht deshalb darin, didaktisches Material ausarbeiten, damit die luxemburgische Literatur an unseren Schulen gelehrt werden kann. „Hier stehen wir aber noch ganz am Anfang“, bemerkt Conter abschließend. Ein erster Schritt wäre aber damit getan: Wo ein Wille ist, ist bekanntlich auch ein Weg.
Weitere Informationen unter www.cnl.public.lu