LUXEMBURG
PATRICK VERSALL

Ein Gespräch mit Violinist Daniel Hope über die Alben „Recomposed by Max Richter: Vivaldi - The Four Seasons“ und „Escape to Paradise - The Hollywood Album“

Vivaldis Vier Jahreszeiten rekomponieren? Wenn Daniel Hope, einer der renommiertesten Violinisten der Gegenwart, eine Einladung erhält, um das rekomponierte Vivaldi-Werk für die „Recomposed“-Reihe der Deutschen Grammophon einzuspielen, ist die Frage, ob es ein Problem mit dem Original von Vivaldi gebe, durchaus angebracht. So fiel Daniel Hopes Reaktion aus, als Komponist Max Richter ihm sein Vorhaben mitteilte, die Vier Jahreszeiten zu rekomponieren. Ein Problem hat Richter keines mit Vivaldis Werk, allerdings sorgt die Omnipräsenz desselben bei dem Komponisten für Unbehagen. „Max erklärte mir, dass es nichts Besseres gäbe, als dieses Meisterwerk von Vivaldi. Allerdings würde er sich von den Vier Jahreszeiten bombardiert fühlen: Überall, wo er hingehe - ob im Fahrstuhl oder im Shoppingzentrum - empfange ihn Vivaldi“, erinnert sich Violinist Hope. Die Folge dieser Bombardierung: Richter hat das Werk nicht mehr als Musik wahrgenommen, sein Gehirn hat sich dagegen verschlossen. „Max fand das Antonio Vivaldi gegenüber sehr ungerecht und wollte die Vier Jahreszeiten für sich selber dekonstruieren, sich sehr intensiv mit dem Material beschäftigen, um sich erneut in das Werk zu verlieben“, fährt Hope fort.

Beide Kompositionen vergleichen

Der Geiger fand diese Überlegung so außergewöhnlich und faszinierend, dass er Richter darum bat, ihm die ersten, bereits angefertigten Skizzen zukommen zu lassen. Als er diese in den Händen hielt, war Hope auf Anhieb klar, dass Max Richter Vivaldi nicht nur liebt und schätzt, sondern er sich auch mit dem größten Respekt dem Werk genähert hat. „Max hat das Meisterwerk genommen, die ganze Patina abgekratzt und dem Werk einen komplett neuen Rahmen verpasst“, fasst Hope Richters Vorgehensweise zusammen. Auf der Bühne interpretiert Daniel Hope am allerliebsten im ersten Teil des Konzerts Vivaldis Original, im zweiten Teil Richters Fassung, um dem Publikum die Gelegenheit zu bieten, beide Versionen miteinander zu vergleichen, und um zu veranschaulichen, dass beide Kompositionen nebeneinander koexistieren können.

Auf das Publikum angesprochen, meint der Ausnahme-Violinist, dass in den über 100 „Recomposed“- Konzerten, die er gespielt habe, sich das Gros der Zuschauer in der Alterskategorie zwischen 18 und 25 Jahren bewegt habe. „Ein solches Publikum findet selten den Weg in klassische Konzerte. Generell findet ich es aber sehr spannend, allen Hörern überhaupt zu zeigen, um was es sich bei einer Rekomposition überhaupt handelt“, bemerkt Hope und verweist auf den Umstand, dass es sich beim Rekomponieren um eine Vorgehensweise handelt, die alles andere als neu sei. „Seit 500 Jahren Musikgeschichte bearbeiten Komponisten sich selber oder die Werke ihrer Kollegen. Johann Sebastian Bach war einer der ersten Komponisten, der sich Vivaldis Musik angenommen und daraus eigene Versionen geformt hat“.

Bezüglich der Remixe, die die Deutsche Grammophon auf das „Recomposed“-Album gepackt hat, erklärt Hope, dass diese für seinen Geschmack etwas zu brav ausgefallen seien. „Remixe sind ein spannendes Feld, ich werde mein Wissen über diese Technik noch weiter vertiefen“, merkt Hope an.

Nachforschungen in den Vereinigten Staaten

Sein Wissen vertieft hat der in Südafrika geborene Geiger in den letzten Jahren über die Werke und das Leben jener Komponisten, denen vor dem Ausbruch der Zweiten Weltkriegs die Flucht vor den Nazis aus Deutschland geglückt ist und die nach Amerika ausgewandert sind , wo sie in Hollywood zu gefragten Filmkomponisten avancierten. Das Ergebnis dieser langwierigen Recherchen ist sein aktuelles Album „Escape to paradise“, für das er Werke von geflüchteten Komponisten wie unter anderem Franz Waxman oder Erich Wolfgang Korngold eingespielt hat. Mehrere Gründe haben den Musiker dazu bewegt, diese Platte aufzunehmen.

Daniel Hope hegt einerseits eine große Passion für Filme: Er schaut sich nicht nur die Streifen an, konsumiert nicht nur, sondern analysiert mit Freude den Schnitt, die Kameraeinstellungen oder aber den Einsatz des Soundtracks. Andererseits hat er einen sehr persönlichen Bezug zum Schicksal dieser Komponisten: Hopes Großvater hat in Berlin Regie unter Max Reinhardt studiert, wurde 1934 von den Nationalsozialisten auf offener Straße in der Hauptstadt zusammengeschlagen und entschied sich, nach Südafrika auszuwandern. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg waren Flucht und Exil ein stets präsentes Thema in der Familie Hope: „Wir sind quasi über Nacht aus Südafrika nach Europa geflohen, weil mein Vater, ein Schriftsteller, sich sehr kritisch gegenüber dem Apartheid-Regime geäußert hatte.“

Für Hope war auch die Zeit gekommen, um einmal die Komponisten auf eine Platte zu bringen, die nicht von den Nazis umgebracht wurden und denen die Flucht gelungen war. „Flucht ist zu einem der zentralen Themen der Platte geworden. Auch ein Kinogänger flüchtet vor der Realität, wenn er in eine Kinovorstellung geht. Ich möchte aber betonen, dass es sich nicht um eine Exilplatte handelt, sondern vielmehr um eine Zufluchtsplatte.“

Daniel Hope stellte intensive Recherchearbeiten in den Archiven der Paramount Studios an, zu denen er einen privilegierten Zugang hatte; der Filmfan Hope gerät heute noch ins Schwärmen, wenn er von den Objekten berichtet, die er dort zu Augen bekam: „Die Originalaufnahmen des ‚The Godfather‘-Soundtracks oder aber so genannte ‚Call Sheets‘ von Erich Wolfgang Korngold.“ Der Violinist hatte ebenfalls die Gelegenheit, die Verwandten oder Nachfahren einiger Komponisten persönlich zu treffen: Arnold Schönbergs Sohn oder Erich Zeisls Tochter etwa.

Nach Abschluss seiner Recherchen hatte sich dermaßen viel Material angehäuft, dass Hope sich „schweren Herzens“ von mehreren Stücken trennen musste. „Manchmal quäle ich mich einige Monate, bis ich das endgültige Tracklisting stehen habe.“ Bei der Zusammenstellung der Titelliste versucht Hope stets dramaturgisch vorzugehen, da er davon ausgeht, dass die Hörer die Platte von vorn bis hinten in einem Zug hören. Zu den bekannteren Kollegen, die Hope bei der Platte zur Hand gegangen sind, gehört neben Sting der Deutsche Max Raabe, ein „großartiger Sänger und Musiker“ sowie Informationsquelle für den Violinisten. „Ich wollte Lieder aus der Zeit des Berlin der 20er Jahre, die Jahre vor der Immigration. Max Raabe setzt sich für diese Musik ein und betrachtet es als seine Mission, diese Kompositionen unter die Leute zu bringen“, erklärt der Violinist.


www.danielhope.com