LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Jazz-Legende Pharoah Sanders wird 75

Rar sind sie geworden, die noch heute aktiven Zeitgenossen John Coltranes, die in den 1960er Jahren gemeinsam mit dem Meister auf der Bühne standen. Einer von ihnen hat sich in den darauffolgenden Jahren selbst zu einem Mythos des neuen Klangs und ungewohnter Perspektiven im neuen Jazz entwickelt, der Tenorsaxofonist Farell „Pharoah“ Sanders der am morgigen 13. Oktober 75 Jahre alt wird.

Nach ersten Erfahrungen in Rhythm & Bluesbands und gelegentlichen Jobs bei Sun Ra, der ihm den Namen „Pharoah“ förmlich aufzwang, spielte Sanders mit Coltrane auf Konzerttourneen und Studioproduktionen, die unter anderem auf den richtungsweisenden, herausfordernden Platten „Ascension“(1965), „Meditations“(1967) und den Konzertmitschnitten „Live in Japan“ oder „At The Village Vanguard“(1966), erschienen bei „Impulse“, dokumentiert sind.

Ein Feuerwerk von Tonbündeln

Als Coltrane 1967 stirbt, arbeitet Sanders, inspiriert vom Meister, noch jahrelang mit dessen Ehefrau, der Pianistin und Harfenistin Alice Coltrane zusammen und entwickelt eine ungewohnte Form des Saxofonspiels, das die Grenzen einer neuen Dimension frisch definiert und das Verständnis der internationalen Jazzanhänger arg strapaziert.

„Ein Feuerwerk von Tonbündeln und Schreien, clusterartige Mehrklänge, Singen ins Instrument und eine eigene Flatterzungentechnik“ (Jazz-Lexikon, rororo) kennzeichnen daraufhin definitiv die Ausdrucksintensität des „high energy players“.

Trotz seiner Zusammenarbeit und der Publikationen als Sideman von bekannten Jazzikonen wie Don Cherry, Ornette Coleman oder McCoy Tyner sind die schönsten und wertvollsten Resultate unter seiner Regie mit eigenen Formationen entstanden.

Einen wichtigen Abschnitt seiner Karriere markiert der Free Veteran 1969 mit seinen Produktionen „Karma“ und „Jewels In The Night“ mit dem berühmten „Hum Allah“. Hier erweist sich das Aufeinandertreffen des Gurus des „New Thing“ mit dem jodelnden Sänger Léon Thomas und dem mit wilden Clustern um sich schmeißenden Pianisten Lonnie Liston Smith als wahrer Glücksgriff. Auch spätere Weltstars wie Bassist Ron Carter und Schlagzeuger Roy Haynes waren an diesen Projekten beteiligt.

Die rund 33minütige Version des Songs „The Creator Has A Master Plan“ , eine hymnische Friedensbotschaft, wurde sein größter Plattenerfolg. In dieser Phase schafft Sanders auf revolutionäre Weise, die afrikanische und indische Kultur mit den etablierten Elementen des Free Jazz zu verbinden und damit eine völlig neue Form einer Musik zu präsentieren, die mit eigenem Dialekt ein Vorläufer der später modischen Weltmusik, ohne den bitteren Beigeschmack von Weihrauch und Räucherstäbchen, ist.

Parallelen gibt es zu dem sechs Jahre älteren Gato Barbieri. Wie Sanders hat dieser in seinen Anfangsjahren mit Don Cherry experimentiert, praktiziert ebenso gekonnt die Technik des Überblasens, der Zirkulartechnik und des Growls und kombiniert die Erfahrungen des freien Jazz, die Sanders mit orientalischen Einflüssen vermischt, mit lateinamerikanischer Musik.

Saxofon verpfändet

Wie man seinem Lebenslauf entnehmen kann war Sanders nie ein begabter Geschäftsmann. Zeitweise musste er sein Saxofon verpfänden oder hielt sich streckenweise als Blutspender oder Hilfskoch in Fish’n Chips-Restaurants über Wasser.

Mitte der 1970er Jahre gelang ihm eine Reihe kommerzieller Erfolge mit seinen Exkursionen in den Bereich des Diskokommerz. Allerdings sind diese Produktion musikalisch nicht sehr wertvoll, mindern aber seinen Stellenwert als alle Traditionen sprengenden Rebell nicht im Geringsten.

Mit der Verpflichtung des holländischen Impresario Wim Wigt (timeless records), der auch für wichtige Konzerte in Luxemburg, darunter mit Chet Baker verantwortlich zeichnet, spielt Sanders einige der schönsten Aufnahmen seines Neubeginns im Zeichen retro-orientiertem Ambiente ein.

Auf den Alben „Shukuru“, „Welcome To Love“ und „Africa“, mit einer wunderbaren Version des Paradestücks für Saxofonisten, dem Klassiker „Body And Soul“ treffen wir neben dem „Groove Master“ Idris Muhammad am Schlagzeug, wieder auf den Vokalakrobaten Leon Thomas in Höchstform. In traditioneller Quartettbesetzung finden wir beispielsweise Klassiker von Jimmy Van Heusen , „Speak Low“ von Kurt Weill oder Carmichaels „The
Nearness Of You“. Obschon der Free Jazzer der ersten Stunde sich zum sanften Rebell entwickelt hat, ist selbst in braven Balladen noch immer der Geist des einst alle Traditionen sprengenden Naturwunders zu spüren.

Heute ist Pharoah Sanders einer der letzten lebenden Saxofonisten, die allein durch ihren Sound auf Anhieb zu erkennen sind, einem Privileg, das neben ihm großen Meistern wie Sonny Rollins, Stan Getz, Paul Desmond oder eben Sanders‘ Mäzen John Coltrane vorbehalten ist.