CANNES
CLAUS REHNIG

Nuri Bilge Ceylan gewinnt die Goldene Palme für „Winter Sleep“

Cannes das ist jeden Abend Glamour auf dem roten Teppich, aber auch der Filmmarkt, wo hart gefeilscht wird, das künstlerisch hochstehende Kino, aber auch fast normale Filme, die trotzdem ihren Weg ins Festspielpalais finden und die Kritik irritieren und auch Kuriositäten wie der Abel Ferrara Film „Welcome to New York“ über die Affäre (des früheren Weltbankpräsidenten) DSK mit Gérard Depardieu und Jacqueline Bisset in einer Sondervorführung außerhalb des Festivals.

Letztes Festival für Präsident Jacob

Es war das letzte Festival des scheidenden Präsidenten Gilles Jacob (mehrere Standing Ovations), der die Geschicke des Festivals über 35 Jahre bestimmte, wenn auch Thierry Frémaux als „Délégué Général“ seit 2002 modernisierte, und seitdem keine Filmgattung mehr in Cannes tabu ist.

Eine gewisse Dualität war diesmal fast an der Tagesordnung. Allein schon die beiden Hauptpreise zeigen diese Dualität. Die Goldene Palme an den türkischen Film „Winter Sleep“ von Nuri Bilge Ceylan, der Grand Prix an „Wunder“, einen fast autobiografischen kleinen Film aus Italien über eine recht seltsame Familie von der jungen Alice Rohrwacher.

Der sehr schöne dreieinhalb Stunden Film Winterschlaf -Goldene Palme und Kritikerpreis, ein seltenes Phänomen - erzählt von einem Schauspieler, der sich von Istanbul in seine Heimat Kappadokien (malerisch gezeigt) zurückzieht und dort ein Hotel führt. Sehr viel Dialog, unendliche Untertitel, bei Presse und Publikum waren die Meinungen geteilt, ähnlich wie beim geteilten Jurypreis an den jüngsten Regisseur, den Kanadier Xavier Dolan und den ältesten, Jean-Luc Godard. Godard macht Godard in seinem sehr kurzen aber schwerwiegenden 3D-Film „Adieu au Langage“, d.h. er philosophiert und experimentiert. In „Mommy“, in dem Xavier Dolan wie immer mit seiner Mutter abrechnet, wird ein Junge aus dem Erziehungsheim nach Hause zurückgeschickt. Zweieinhalb Stunden Lärm, schreiend, aber Atmosphäre, Kino.

Politische Themen an jeder Ecke

Politische Themen, Filme, die den Zustand unserer heutigen Welt beschreiben, waren häufig. Das Vordringen des Islamismus in Afrika, „Timbuktu“ von Abderrahmane Sissako (gleichzeitig ausgezeichnet von der ökumenischen Jury und mit dem Reporterpreis François Chalais), die Sorge um den Arbeitsplatz in „Deux Jours, Une Nuit“ von Jean-Pierre und Luc Dardenne mit Marion Cotillard, der leer ausging, obwohl in der Diskussion um eine dritte Goldene Palme.

Andere Filme gaben eine versöhnlichere Stimmung, über Kreativität wie „Mr. Turner“ von Mike Leigh über den Maler des Lichts JMW Turner, für den Timothy Spall den Schauspielerpreis gewann. Sehr schön auch der neue Olivier Assayas über eine alternde Schauspielerin (Juliette Binoche), die sehen muss wie ein Starlet nun die Rolle spielt, die sie vor 20 Jahren hatte. Vor allem das Verhältnis zu ihrer Assistentin (Kristen Stewart) gibt „Sils Maria“ seine Dichte. Eine Art Ufo mit unheimlich viel Lebensfreude ist der mit der Caméra d’Or für den besten Erstling ausgezeichnete, an der französischen Grenze in Forbach spielende „Party Girl“, gemacht von drei jungen Leuten aus der Region, Marie Amachoukeli, Claire Burger und Samuel Theis über eine nicht ganz seriöse Frau. Lustig und wild.

Sophia in Cannes

Die Renaissance des Genrefilms machte auch vor dem Festival nicht halt. Onieristisch verrückt ist „Lost River“ u.a. mit der Horrorfilm-Ikone Barbara Steele, der erste Film des Schauspielers Ryan Gosling. Er spielt in einer Geisterstadt, wo die Häuser abgerissen werden, wenn die Leute ihre Miete nicht bezahlen und auch „Alleluia“ des Belgiers Fabrice du Welz über zwei Serienmörder in den Ardennen ist äußerst blutig. Cannes das ist auch jedes Jahr eine „Masterclass“, einer der magischen Augenblicke von Cannes, diesmal mit Oscarpreisträgerin Sophia Loren, erstaunlich jugendlich trotz ihrer 80 Jahre.

Zwölf Filme mit Mastroianni, der diesmal das Festivalplakat schmückt. Loren stellte auch „La voce humana“
vor, von ihrem Sohn Edoardo Ponti gedreht, der Traum
ihres Lebens, das letzte Mal hatte Anna Magnani die Rolle gespielt.