NORA SCHLEICH

Immanuel Kant - Einer der größten Philosophen wäre 292 Jahre alt geworden

Einige von Ihnen werden nun verschmitzt lächeln, da meine Bewunderung für Immanuel Kant, seine Person und seine Reflexionen, ein offenes Geheimnis darstellen dürften. Ja, wenn es einen Kant-Fanclub Luxemburg geben würde, ich wäre mit Sicherheit passioniertes Mitglied.

Nun, was ist denn so faszinierend an besagtem Mann, der eigentlich ein recht unspektakuläres Leben führte? Als Kant am 22. April 1724 in Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, zur Welt kam, hätte wohl keiner aus den pietistischen Kreisen damit gerechnet, dass diese Person zu einem der größten Denker in der Geschichte der deutschen Philosophie werden würde. Manch einer mokiert sich heute über Kants eigentümliche Weise, jedoch ist der fulminante epochale Einfluss seiner scharfsinnigen Studien bezüglich Erkenntnistheorie, Ethik, Recht und Religion bis dato nicht zu leugnen. Grob resümiert lässt sich Kants Lebenswerk anhand von vier Fragen ausdrücken:

1. Was kann ich wissen?
2. Was soll ich tun?
3. Was darf ich hoffen?
4. Was ist der Mensch?

In seiner wohl besser bekannten Kritik der reinen Vernunft präsentierte Kant ein Denkmodell, das die damalige Auffassung des menschlichen Wissensapparates grundlegend reformieren sollte: er untersuchte die Bedingungen der Möglichkeit unseres Wissens überhaupt. Vor Kant herrschte ein Widerstreit zwischen Rationalisten und Empiristen. Beide Lager gleichermaßen von ihrer Haltung überzeugt. Erstere davon, dass der Mensch durch die ihm eigene Vernunft, Ratio, zum Wissen gelänge, wobei Letztere ausschließlich die Sinneseindrücke der Erfahrung, Empeiria, als Quelle unserer Erkenntnis ansahen.

Kant hingegen vertrat die Ansicht, dass Sinnlichkeit sowie vernünftiges Denken zugleich unser Wissen konstituieren müssten. Doch damit nicht genug. Er stellte sich ebenfalls gegen die traditionelle Haltung, dass die Gegenstände unserer Umwelt tatsächlich so zu erkennen seien, wie sie wahrhaft sind. Kant legte in seiner Kritik dar, dass der Mensch eigentlich nur das ihm Erscheinende wahrnahm, das er durch seine eigenen Anschauungsformen erfassen konnte. Man könnte es damit umschreiben, dass wir alles nur durch unsere menschlichen Augen, unsere eigene Brille wahrnehmen und uns daher nie sicher sein können, ob die Tasse, die wir sehen, auch unabhängig unserer menschlichen Auffassungsform so aussähen würde. Hätten wir alle eine grüne Brille auf, würden wir denken, alles um uns herum wäre grün. Dabei bleibt die Tasse, wie sie „an sich“ ist, unserer Erkenntnis verwehrt. Wir können nur das über unser Umfeld aussagen, was wir durch unsere Brille wahrnehmen.

Diese Theorie beeinflusst direkt die dritte Frage: was darf ich hoffen? Hier macht sich Kant unter anderem an die Problematik um den Beweis der göttlichen Existenz. Zu Lebzeiten ein gewagtes Unterfangen, doch gerade im Rahmen der Aufklärung ein gewaltiger Vorstoß. Kant argumentierte, dass Gottes Dasein nicht beweisbar wäre, weil es, um einen triftigen und wissenschaftlichen Beweis liefern zu können, einen handfesten Nachweis in der Erfahrung bedürfte. Wir haben allerdings nur eine bloße Idee dessen, was wir uns unter Gott vorstellen. Wir stellen ihn uns wieder ausschließlich mit unseren menschlichen Konzepten vor: durch Begriffe, die unsere Vernunft schuf, um das Weltliche verständlich zu machen, die aber keineswegs zur Kenntnis des Außerweltlichen, des rein Metaphysischen führen könnten. So ist gar nichts Bestimmtes über die Existenz Gottes zu sagen, lautet Kants Deutung, weder ob er ein Dasein genieße oder nicht. Dasein und Existenz sind schließlich Konzepte, die auf die natürlichen Welt gerichtet sind. Eine Befugnis, diese als metaphysische Beweise zu nutzen, haben wir nicht. Wir können spekulieren, hoffen, ja! Nicht aber dies wissen oder erkennen.

Die Kritik der praktischen Vernunft beschäftigt sich mit der Frage nach dem Sollen. Wie soll ich mich verhalten, um moralisch gut zu handeln? Kants Ethik weist sich zumeist als Pflichtethik aus. Als vernünftiger Mensch kann ich meine Pflicht denken und sie gar über meine irdischen und sinnlichen Triebe stellen. Der berühmte Kategorische Imperativ umfasst die moralische Formel: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werden.“

Vereinfacht dargestellt, handle nur so, wie jeder andere auch handeln sollte. Abstrahieren wir von allen persönlichen Neigungen und Interessen, ist es die Idee der Moral, des Guten an sich selbst, nach der wir uns richten müssen, um rein moralische Handlungen vollziehen zu können. In dieser Idee sieht die Kantische Ethik die Möglichkeit des friedvollen und moralischen Zusammenlebens schlechthin.

Kant hat sich aber auch Gedanken über viele andere Themen gemacht. So verfasste er wichtige rechtsstaatliche Schriften, von denen der Entwurf ‚zum ewigen Frieden‘ wohl der bekannteste sein dürfte. Im Aufsatz ‚Zur Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?‘ rief Kant den Bürger dazu auf, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und sich nicht blind und träge der Führung externer Instanzen hingeben zu lassen. Der Nachhall des Appells, seine Kompetenzen bestmöglich zu schulen und zu entwickeln und nicht in eine passive, bequeme Faulheit abzutauchen ist bis heute noch vernehmbar.

Doch auch seine ästhetischen Theorien offenbaren einige wundervolle Gedanken über den Zustand des Menschen, als Wesen der Sinnlichkeit und Vernunft, welcher sich besonders in der Erfahrung des Schönen und des Erhabenen seiner gedanklichen Freiheit annähern kann. Schlussendlich sind es seine späten anthropologischen Werke, die das gesamte Denken seines Lebens bündeln, um die Frage ‚Was ist der Mensch?‘ umfassend zu behandeln.

Ich finde es faszinierend, wie Kant mit seiner zwar eigentümlichen, doch überaus gründlichen und durchweg akkuraten Art Theorien ausarbeitete, deren komplexer Gehalt auch heute noch von ungebrochener Aktualität zeugt. 1804 ging mit Kant ein außergewöhnlicher Denker von uns, doch wie die philosophische Entwicklung zeigt, wird sein Werk weiterhin in der sich ständig expandieren Kant-Forschung analysiert, kritisiert und auch gebührend gepriesen.