CHRISTIAN BLOCK

Zuhause gelten eben andere Regeln. Präsident Obama wurde in den vergangenen Wochen nicht müde, für die Notwendigkeit eines strengeren Waffengesetzes zu plädieren. Selbst vor Polizisten machte der US-Präsident keinen Halt und mahnte zur Strenge. Die umstrittenen Vorstöße, die Obama machen will, sind dabei allerdings nicht mehr als ein vorgefertigter Kompromiss. Die geforderte striktere Handhabung, ein „drakonisches“ Maßnahmenpaket (O-Ton Waffenlobby) will Sturmgewehre für Privatbesitzer verbieten, Magazine begrenzen und Backgroundchecks stärken. Ganz nach dem Vorbild des Bundesstaates New York mit seinem innerhalb der Staaten strengsten Waffenrecht. Dass Obama sich damit auf gefährliches Terrain begibt, zeigt die Reaktion Bill Clintons, der eine Warnung aussprach und seinerzeit als Präsident mit ähnlichen Vorhaben viel politisches Terrain einbüßen musste.

In den USA, wo jedes Jahr Tausende Menschen durch Schusswaffen verletzt oder getötet werden - die Zahlen schwanken zwischen 8.000 und 12.000 - werden diese Einschränkungen, wenn sie es durch den Kongress schaffen, jedenfalls kaum Auswirkungen haben. Die meisten Tötungsdelikte erfolgen nach wie vor durch Handfeuerwaffen, auch New York steht dem in Nichts nach. Das Argument des Präsidenten, „wenn wir ein Leben retten können, haben wir die Pflicht, es zu versuchen“, wirkt makaber, angesichts der erwägten Begrenzung von Magazinen auf sieben Schuss. Eine Kugel erweist sich für eine Tragödie als völlig ausreichend.

Auch außenpolitisch spiegelt sich das ambivalente Verhältnis zwischen Selbstverständnis zum Waffeneinsatz und dessen Folgen wieder. Die Vereinten Nationen werfen den USA vor, Angriffe in Afghanistan nicht ausreichend angekündigt zu haben. Laut UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes hätte sich die Zahl der getöteten Kinder innerhalb eines Jahres auf 110 verdoppelt, die Militärs würden ungeschoren davonkommen und die Trauer der Hinterbliebenen nicht gewürdigt werden, so weit, so offensichtlich. Das konnten sich die fortschrittlichen US-Militärs natürlich nicht gefallen lassen und feuerten prompt zurück: Durch Luftangriffe seien im anschließenden Jahr 40 Prozent weniger Kinder umgebracht worden, argumentieren sie. Zahlenspielereien und Detailfragen möchte man sagen: Dieses Jahr waren wir etwas humaner. Da freut man sich auf die Weiterentwicklung unbemannter Kampfdrohnen, um das eigene Gewissen in Zukunft noch stärker zu entlasten. Anders die Situation in den heimischen Gefilden. Nur durch das Leiden vertrauter Gesichter, die etlichen Massaker in jüngster Vergangenheit, kommen die Amerikaner in Bewegung - zumindest für eine Weile. Die Frage danach, was Obama unter Waffengewalt versteht, bleibt dennoch unbeantwortet. „Waffengewalttätige“ wird man durch solche Einschränkungen nicht abschrecken können, wie der Fall des Polizisten Christopher Dorner zeigt, der drei Morde auf dem Gewissen haben soll, sich in den Bergen von Kalifornien verschanzt hat und auf dessen Kopf eine Million Dollar ausgesetzt sind - fast wie im wildesten Westen.