LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Vor 55 Jahren machte die Paläoanthropologin Mary Leakey eine sensationelle Entdeckung

Olduvai-Schlucht, im nördlichen Tansania, 17. Juli 1959: Wie so oft seit 1935 wühlt sich Mary Leakey durch das Geröll in der überaus fossilienreichen Gegend in der östlichen Serengeti, die gerne als „Wiege der Menschheit“ bezeichnet wird. Einen konkreten Ausgrabungsplan verfolgt die Wissenschaftlerin, die bereits in sehr jungen Jahren bei Ausgrabungen in südfranzösischen Höhlen ihre Leidenschaft für die Steinzeitarchäologie entdeckte, zu dem Zeitpunkt nicht.

Ein versteinerter Backenzahn

Sie und ihr Mann Louis Leakey, ebenfalls ein renommierter Paläoanthropologe, warteten auf einen Fotografen, der ein Areal ablichten sollte, an dem im Jahr zuvor der versteinerte Backenzahn eines Homininen gefunden wurde. Die Leakeys erhofften sich, durch weitere Grabungen an der Stelle mehr Fragmente zu finden, die Aufschluss über den Besitzer des Zahns geben könnten. Doch als der Fotograf den Ausgrabungsort erreichte, hatten die aufgeregten Leakeys die ursprünglichen Pläne längst über den Haufen geworfen: Es gab Wichtigeres zu dokumentieren. Mary Leakey war nämlich auf Teile eines Oberkiefers gestoßen, in dem sogar noch Zähne steckten.

Der Fund sollte sie weltberühmt machen, insbesondere nachdem das Magazin National Geographic im Jahr danach eine große Reportage über die Arbeiten der Leakeys brachte, die bereits im Oktober 1948 für Aufsehen gesorgt hatten, als sie auf einer Insel im Victoria-See den Schädel eines Vorfahren von Affen und Vormenschen ausgruben, der vor etwa 25 Millionen Jahren gelebt haben muss.

Grassfresser statt Nussknacker

Der „Paranthropus Boisei“ - so wird die Vormenschen-Gattung bezeichnet, die Mary Leakey entdeckte - lebte seinerseits vor etwa 2,2 bis 1,2 Millionen Jahren.

Den Vorfahren mit einer geschätzten Körpergröße von 1,2 bis 1,4 Metern und einem Gewicht zwischen 40 und 80 Kilogramm zeichnen vor allem drei Charakteristiken aus: Der aufrechte Gang, das Gehirnvolumen, das mit etwa 500 Kubikzentimeter rund 100 Kubikzentimeter größer war als das eines heutigen Schimpansen und die massiven Kieferknochen samt sehr kräftiger Kaumuskulatur, die für den Pflanzenfresser „Paranthropus boisei“ sicher einen bedeutenden Überlebensvorteil darstellte. Wegen seiner robusten Kiefer wurde die Spezies manchmal „Nussknackermann“ genannt.

Doch laut rezenten Untersuchungen dürfte sich „Paranthropus boisei“ vor allem von Gras ernährt haben, das er unablässig kaute.

Eine neue Ära für die Wissenschaft

Leakeys Entdeckung - viele weitere sollten folgen- war mit Sicherheit ein Meilenstein in der Paläoanthropologie.

„Ich denke, der Fund rief ein derart großes öffentliches Interesse hervor, dass private Stiftungen Geld zur Verfügung stellten um die Arbeiten im Olduvai-Graben auszudehnen und auch andere Grabungsprojekte zu finanzieren“, sagte Mary Leakeys Sohn Richard 2009 in einem Interview mit „Archaeology“, der Veröffentlichung des Amerikanischen Archäologischen Instituts.

„Die Aufregung über die Entdeckung stand am Anfang einer Ära, die auch heute noch anhält, wo die Menschheit einfach hungrig ist auf Informationen über ihre Entstehung und die Entwicklung unsere Vorfahren über diese unglaublich lange Zeit“, meint der Paläoanthropologe und kenianische Politiker.

Die Suche nach den Ursprüngen ist und bleibt indes unheimlich spannend. Dafür sorgen heutzutage relativ junge Disziplinen, wie etwa die Genetik. Aber nach wie vor vor allem leidenschaftliche Forscher wi e die Leakeys.


Das Interview mit Richard Leakey: tinyurl.com/poxfem6.

Der Eintrag über Mary Leakey in der Encyclopaedia Britannica: tinyurl.com/ohfsylw