PATRICK WELTER

Die Neuwahlen sollten Klarheit für Italien bringen. Klassischer Fall von „denkste!“, nach den Hochrechnungen vom gestrigen Abend stehen den Kommentatoren und der gesamten politischen Klasse Italiens die Worte „Und nun?“ auf die Stirn geschrieben. Klar sind nur zwei Sachen: Ein kluger Kopf wie Mario Monti kriegt weniger als zehn Prozent für seine Liste zusammen und die Wirrköpfe der „Lega Nord“ gehören zur politischen Vergangenheit.

Gut, in der Kammer liegt das pro-europäische Mitte-Linksbündnis von Pier Luigi Bersani vorne, aber im Senat hat der alte Taschenspieler Silvio B. sein geliftetes Näschen vorne, und das ist kein gutes Zeichen, weder für Italien, noch für Europa. Denn theoretisch gibt es zwar eine „Linke“ Mehrheit, doch die Überraschungstruppe um den Politclown Grillo, die ein Fünftel bzw. ein Viertel der Stimmen in beiden Kammern erobert hat, ist alles andere als proeuropäisch. Deren Kandidaten und Wähler hatten von der klassischen italienischen Politik die Nase voll, genauso wie von den Sparappellen der steifen Nordeuropäer.

Was bleibt ist eine Zusammenarbeit von Bersani und Monti, was ersteren zum Regierungschef machen kann, aber nicht die Blockade des Schwerenöters Berlusconi im Senat verhindern wird.

Es sollte dem selbst ernannten Wirtschaftsführer Berlusconi aber zu denken geben, dass die Kurse an der Mailänder Börse nach den ersten Nachrichten über einen Wahlsieg der Linken um vier Prozent in die Höhe schnellten, um dann in noch höherem Maß abzustürzen, als die mögliche Eroberung des Senats durch den Erzkapitalisten Silvio B. bekannt wurde. Ein ziemlich einmaliger Vorgang in der Weltwirtschaft. Selbst den Börsianer sind berechenbare Linke lieber als der von keiner Sachkenntnis beleckte Medientycoon.

Silvio B. erinnert an den mit dem Globus spielenden Herrn Hynkel in Chaplins „The Great Dictator“. Dabei ist Sylvio kein böser Bube im klassischen Sinne (Steuerhinterziehung und Bunga Bunga zählen ja zu den lässlichen Sünden). Silvio ist ein 76 Jahre altes Kind, das alles haben will und dem die Folgen des „Habenwollens“ scheißegal sind.

Man kann das (vorläufige) italienische Wahlergebnis positiv sehen und sagen, dass zwei Drittel der Italiener dem Mitte-Rechts-Bündnis des Silvio B. ihre Stimme verweigert haben. Aber was hat das andere Drittel dazu bewegt, den Politwindbeutel Nummer Eins zu wählen? Seine bunten Fernsehsender ?

Wenn es Bersani nicht gelingt, die zu erwartende Blockadepolitik aus dem Senat zu unterlaufen, dürfte es bald zurück auf Los gehen. Mit dem Effekt, dass Italien weiterhin in den Seilen oder gar in der Luft hängt. Die italienische Misere wird weiter andauern, ohne notwendige Reformen und ohne Einschnitte wird nichts passieren - außer dass die Situation immer gefährlicher wird. Eine Volkswirtschaft von der Größe Italiens kann kein Rettungsschirm der Welt retten.

FIAT-Chef Marcione hat schon vor einiger Zeit laut über die Abwanderung aus Italien nachgedacht. In einem politisch blockierten Italien dürfte sich der Weg von hypothetischen Planspielen zur realen Abwanderung der Konzerne drastisch verkürzen.