NORA SCHLEICH

Wenn Objektivität der Nützlichkeit weichen muss

Von einigen als Ideologie und schwärmerisches Treiben verurteilt, von anderen als Mission und Bestimmungsgrund des eigenen Lebens angesehen, so dekliniert sich das Bild der Suche nach Wahrheit je nach Sichtweise des Einzelnen. Wie oft wird man müde belächelt, wenn man sich passioniert auf die Suche nach stabilen Rechtfertigungen, logischen Gründen und haltbaren Wahrheiten auf Fragen des mal mehr mal weniger alltäglichen Geschehens macht.

Ja, ich zähle mich auch zu den Ereiferern, die das Ideal einer objektiven und neutralen Wahrheit als Leitbild für das Streben nach Erklärungen verfolgen. Die objektive Wahrheit beschreibt das neutrale Wahrhaftige, erfordert also den übergreifenden Standpunkt, von jeglichen persönlichen, also subjektiven Sichtweisen, Interpretationen, ja Einflüssen aller Art zu abstrahieren und sich dem absoluten Anspruch auf gültige Rechtfertigung zu unterwerfen. Da wir vom Wirk-Lichen, was also so wirkt als sei es wahr, in unserem irdischen Leben und Dasein nicht loslassen können, sind wir gezwungen uns damit zufrieden zu geben, sich dem Wahrhaften im Verhältnis so gut es geht annähern zu können.

Ich kontrastiere hier ganz bewusst das Wirkliche und das Wahrhafte. Ersteres dient als pragmatische Richtlinie für unser alltägliches Bewusstsein dazu, dass wir das, was außerhalb unseres Geistes passiert, als gegeben annehmen können, ohne zwar einen gerechtfertigten und triftigen Grund anführen zu können, dass etwas wirklich so ist, wie es denn nun auf uns wirkt. Das Wahrhafte steht da schon eher auf einer Meta-Ebene, einer Stufe darüber, die, wie zuvor bereits umrissen, die einzige absolute Wahrheit und sonst nichts enthalten soll.

Da wir dieses Absolute als arme irdische Teufel jedoch niemals bewusst erreichen können und uns ständig in Rechtfertigungsversuchen zu verlieren drohen, würden wir uns im Alltäglichen, wenn wir uns ständig in Frage stellen müssten und die Wahrhaftigkeit unserer eigenen Existenz stets anzweifelten, Descartes lässt grüßen, in selbstzerstörerischen, fatalistischen und nihilistischen Gedanken aufgehen. Dennoch ist mir das deontologische Prinzip, die Wahrheit um der Wahrheit willen verfolgen zu wollen, das oberste Motiv.

Nun geht es mir darum, aufzuzeigen, dass das, was wir als wahr, also als gültig und gerechtfertigt, absolut beweisbar, verkauft bekommen, oftmals ein getarntes Mittel zum Zweck ist. Es geht also nur darum, einen Sachverhalt als wahr zu verkaufen, sich in Recht und fiktivem Wissen zu wägen, und das fälschlicherweise als wahr Gehandelte dazu zu nutzen, das Gegenüber vom eigenen subjektiven Standpunkt zu überzeugen. Koste es was es wolle, in diesem Fall den hohen Preis der objektiven Wahrheit.

Die Deontologie weicht dem Utilitarismus, die Wahrheit wird zum Utensil, Instrument. Um dies etwas zu veranschaulichen, fügt sich hier bestens das Beispiel der bitteren Medizin ein. Kleinkinder mögen oft den ekligen Geschmack des Hustensirups nicht besonders. Was tun die pfiffigen Eltern? Genau, sie mischen Zucker dazu, und schon rutscht das Teufelszeug! Ziehen wir die Analogie zu meinen vorigen Gedanken: Fragen Sie nach einer Erklärung, zum Beispiel beim Arzt, wenn Sie wissen möchten, warum Sie dieses Medikament schlucken sollen, vertrauen Sie darauf, dass der Arzt, der Ihnen den Sachverhalt nun hoffentlich bestmöglich erläutern wird, Ihnen die Wahrheit sagt und die triftige Gründe für die Verabreichung anführt.

Ob diese denn nun wahrhaftig gerechtfertigt sind, wissen Sie nicht, Sie sind der Laie und können sich dank der Erklärung höchstens beruhigt fühlen. Gehen wir noch einen Schritt weiter, denn im gesellschaftlichen Umgang erscheint mir dieses Phänomen noch um Einiges zugespitzter. Wer kann von sich behaupten, eine umfassende Einsicht in die Funktion und Struktur von Wirtschaft, Politik oder Gesellschaft zu genießen? Oft sind wir also wie beim Arztbesuch darauf angewiesen auf sogenannte Experten, die sich ihrer Natur nach in ihrem Gebiet besser als wir auskennen müssten, zurückzugreifen.

Nun könnte aber das, was uns als Erklärung verabreicht wird, vielleicht gar nicht so dermaßen der Wahrheit entsprechen, wie wir uns das eigentlich denken oder wünschen. Vielleicht ist die Erklärung auch nur eine Art Instrument, welche die vermeintliche Wahrheit als Mittel zum Zweck benutzt, um den wirkenden Glauben, die geglaubte Wirklichkeit schmackhaft zu machen. Dies ist ein heißes Eisen, zugegeben, aber es ist dennoch angebracht, sich zumindest Gedanken darüber zu machen, und sich nicht schon von dem Duft des Karamells, der dahinschmelzenden gezuckerten Wahrheit, verführen zu lassen.