LUXEMBURG
MARCUS STÖLB

Sven Wohl legt mit „Die Einsicht“ sein Debüt vor

Der Tod hatte nichts Endgültiges an sich. Mittlerweile könnte ich sogar Weltmeister im Sterben sein. Da fiel mir ein, mein letzter Tod lag schon einige Jahre zurück. Mir war das Gefühl dafür ein wenig abhanden gekommen, musste ich zugeben“. Mit diesen Sätzen beginnt Sven Wohls Erstling „Die Einsicht“. Es ist ein vielversprechender Einstieg, einer, der den Leser in die Geschichte hineinzieht und Lust aufs Weiterlesen macht.

Die Handlung ist rasch erzählt: Ein Mann täuscht sein Ableben vor, nimmt eine neue Identität samt zurecht fabulierter Lebensgeschichte an und will so seiner Vergangenheit entfliehen. Auf seiner Flucht wird er jedoch immer wieder von Wahnvorstellungen und Alpträumen heimgesucht, mit unschöner Regelmäßigkeit kommt das Grauen hoch. So sehr sich Protagonist Kenneth Sullivan auch bemüht, in dem kleinen abgelegenen Städtchen namens Nevrille ein neues Leben zu beginnen, lässt ihn das alte doch nie los.

Fehlen eines Spannungsbogens

Es ist kein wirklich neues Thema - der vergebliche Versuch, durch einen Wechsel von Identität und Aufenthaltsort dem bisherigen Leben mit all seinen Problemen und Prüfungen zu entfliehen; was meist nicht gelingt, weil man sich - falscher Pass und neue Wahlheimat helfen da wenig - immer dorthin mitnimmt, wo man an sich und seine Geschichte nicht erinnert werden will. Sich selbst und seiner Vergangenheit entkommt der Mensch nicht - zu dieser Einsicht gelangt schließlich auch der Ich-Erzähler: „Egal wie schnell du läufst, egal wie gut du deine Spuren verwischst, deine Vergangenheit wird dich einholen. Das verdrängte Grauen wird wieder hochkommen und versuchen, dein Leben zu zerstören, genau so, wie damals“.

Was der Flucht voranging, erfährt der Leser erst gegen Ende der mit 90 Seiten eher schmalen Novelle. So wird ein kleiner Rest an Spannung bewahrt. Doch es gelingt Sven Wohl mit seiner Erzählung nicht, von Beginn an einen Spannungsbogen aufzubauen, geschweige denn einen durchzuhalten. Die Beschreibungen der immer wiederkehrenden Wahnvorstellungen und Alpträume verlangen dem Leser stattdessen einiges ab - zu offenkundig ist das Bemühen des Autors, mittels detaillierter aber sprachlich doch überwiegend blasser Beschreibungen Spannung zu erzeugen.

Hier stößt Sven Wohl erkennbar an Grenzen. Nach einem wirklich überzeugenden Einstieg fällt das Buch stark ab, und obschon das Buch alles andere als ein Wälzer ist, hat es Längen. Hinzu kommen sprachliche Patzer - bis dahin, dass von „Geistesgegenwertigkeit“ die Rede ist, wo es „Geistesgegenwart“ heißen müsste. Ärgerlich sind die Fülle an fehlenden Kommata und die Vielzahl falscher Getrenntschreibungen - das hätte dem Lektorat auffallen müssen. Mag man bei einem Erstlingswerk auch nicht jene Maßstäbe anlegen wollen, die für erfahrene Autoren gelten müssen, kann der Rezensent doch diese offenkundigen Schwächen nicht ignorieren. So vermag „Die Einsicht“ am Ende nicht wirklich zu überzeugen.
„Die Einsicht“ von Sven Wohl, veröffentlich bei Books on Demand. 92 Seiten, ISBN: 978-3735785671