LUXEMBURG
MADY LUTGEN

Tammy Reichling produziert zurzeit Kindertheater: Ihre Kunden sind höchst anspruchsvoll

Tammy Reichling liebt ihren Beruf. Die junge Frau traut sich an Kindertheater heran. Mit jedem Wort, das aus ihrem Mund kommt, spürt man, wie sehr sie ihren Beruf und die Arbeit mit Kindern liebt. Zurzeit steht sie für ihr eigenes Musik-Theater-Stück „O weeei dumdum“ auf der Bühne. Dem „Journal“ erzählt der kreative Kopf, warum es ihr leichter fällt, mit Kindern zu arbeiten als mit Erwachsenen.

Warum hast Du Schauspiel- und Diplom-Pädagogik studiert?

Tammy Reichling Ich habe mit dem Studium der Diplom-Pädagogik an der Uni Köln angefangen und nach dem Grundstudium gemerkt, dass mir etwas beim Vermitteln der Pädagogik fehlte. Während des Studiums habe ich in der Hausaufgabenhilfe an Hauptschulen in sozial benachteiligten Gebieten Kölns gejobbt. Dabei habe ich festgestellt, dass ich ein anderes Medium bräuchte, um Werte und Perspektiven bei den Jüngeren zu vermitteln. In den ersten Tanz- und Theaterprojekten lernten die Schüler, sich für etwas zu begeistern, Präsenz und Gruppendynamik zu spüren. Mit Erfolg… auch für mich, da ich mich auch weiterbildete und währenddessen an Schauspielschulen vorgesprochen habe und an der Theaterakademie Köln angenommen wurde.

Was hat dir an der Schauspielschule gefallen und was hat dich Nerven gekostet?

Reichling Einmal in der Schauspielausbildung angekommen, musste ich mich erst mit meiner Person und Identität auseinander setzen. Wann wird eine Bühnenfigur glaubhaft, welche Schutzmechanismen muss ich ablegen, um in die Situationen der Szenen zu schlüpfen? Hier habe ich viele Verhaltensmuster hinterfragen müssen und Techniken erlernt, mit Energien umzugehen und sie situationsgemäß einzusetzen. Ich habe für mich wieder festgestellt, welchen Nutzen die Schauspielerei für die Arbeit in der Pädagogik haben kann. Da war ein besonderer Drang, Theater zu demokratisieren. Ich wollte diese Erkenntnisse unbedingt an die Heranwachsenden vermitteln. Somit habe ich meine Diplomarbeit über die Theaterarbeit mit Kindern geschrieben und als erstes nach meiner Schauspielausbildung ein theaterpädagogisches, intergenerationelles Projekt geleitet, um dann zwei Jahre später mein erstes Theaterengagement von Marc Olinger am Kapuzinertheater angeboten zu bekommen.

Warum hast Du dich selbstständig gemacht?

Reichling Über die Jahre habe ich festgestellt, dass der heutige Künstler und oder Schauspieler ein Unternehmer ist. Er stellt sein eigenen Projekte auf die Beine, schreibt Konzepte, gründet einen Verein, arbeitet mit anderen Künstlern zusammen, regelt alle finanziellen Belange mit den Theaterhäusern/Stiftungen/Ministerien und gestaltet die Kommunikation mit den Medien, manchmal unter schwierigen Bedingungen: Rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, innerhalb von sechs Wochen.

Ist es schwer, selbständig zu sein?

Reichling Das Selbst-und-ständig-Sein, als freier und beruflicher Künstler gibt mir vor allem die Freiheit, die Themen, die mich interessieren, bei hei!YA productions asbl mit vielfältigen Künstlern umzusetzen - wie MusikerInnen, Electro-Komponisten, Sound-Installateuren, RegisseurInnen, Bühnen- und Kostümbildnern -; vielschichtig, einfach und klar. Das macht das Theater für junges Publikum so herausfordernd. Ein Kind soll nicht aus Höflichkeit sitzen bleiben, sondern gepackt werden von einer Geschichte.

Du machst Kindertheater, was ist dein aktuelles Projekt?

Reichling „O weeei dumdum“ ist das aktuelle Musik-Theaterstück für junges Publikum ab sechs Jahren, das jetzt wieder auf Tournee im TRAFFO und in sechs Kulturhäusern ist (Daten: www.oweeeidumdum.com., CAPe Ettelbruck, TRAFFO_Carrérotondes, Trifolion Echternach, KUFA, opderschmelz, Prabbeli Wiltz. Ich spiele eine Wissenschaftlerin, die Geräusche in ihrem Akustiklabor sammelt, um sie auszuschalten. Eine Musikerin taucht auf, und vermittelt ihr, dass Musik sozusagen „organisierter Lärm“ ist. Alle Zuschauer sitzen im Bühnenbild, das das Labor darstellt und erleben hautnah die Klänge und Stimmungen.

Wo nimmst Du die Ideen her?

Reichling Ich baue mir Auszeiten ein, die mir Inspirations- und Ruheinseln geben. Auf einmal poppt aus dem Unterbewusstsein eine Idee auf, die ich gerne mit vorhandenen Möglichkeiten in meinem Umfeld verbinde. Dann entsteht nach und nach ein Konzept, in dem ich auch fast unmögliche Details miteinander in Verbindung bringe. Wenn ich in meiner Vorstellung Gänsehaut bekomme, befinde ich mich meistens auf der richtigen Spur.

Ist es schwer, mit Kindern zu arbeiten?

Reichling Ich finde es schwieriger, mit Erwachsenen zu arbeiten. Aber das geht auch immer besser, da ich mir ihr „Erwachsensein“ wegdenke.

Wie stellst Du dir deine weitere Zukunft vor?

Reichling Mein Motor ist eine Studie, die nachweist, dass Kinder, die innerhalb von drei Jahren acht Theaterstücke sehen, mehr Vokabular für Emotionen haben, kritischer denken, kreativ Sachverbindungen machen und im menschlichen Austausch empathischer sind. Selbst durch das Zuschauen ist das Publikum aktiv und kreativ, und verbindet sich. Die Phantasie ist der direkte Weg zum Kinderherzen. Den möchte ich gerne weiterhin mit Projekten gehen.

Was rätst Du jungen Künstlern, die auch davon träumen, selbstständig zu arbeiten?

Reichling Machen, machen, machen. Ausprobieren was funktioniert, Fehler machen und weitermachen. Sich nicht zu sehr von all den Möglichkeiten um sich herum verwirren lassen. Das Urvertrauen ist wichtig, um seine wahre Bestimmung in seinem Beruf zu finden und nicht einfach andere Personen mit ihren Lebensläufen zu kopieren. Dazu gehört auch, sich mal von Projekten überraschen zu lassen, die einem vor die Füße fallen. Die können auch schon mal reibungslos glücklich machen. Also, Loslassen spielt eine große Rolle, bei all der Arbeit. Dann klappt das auch mit dem „wohl“ und „verdienten“ Geld.


www.tammy-reichling.com