Ist Breschnew zurück? Die Propaganda, die aus Moskau kommt, klingt fast so. Aber nein, es geht nicht mehr um Ideologie, um Kommunismus gegen Kapitalismus - heute geht es dem Kreml nur noch darum, eine starke Macht zu sein und das der ganzen Welt zu beweisen. Ein blanker Oberkörper reicht dazu nicht immer. Erst wurde der Militäreinsatz in der Ukraine damit begründet, die „Menschenrechte der russischsprachigen Minderheit“ müssten verteidigt werden, gestern dann hieß es, der gestürzte Präsident Wiktor Janukowitsch habe Russland gebeten, wieder „Ordnung“ in seinem Land zu schaffen. Fadenscheinige Begründungen, an die die russische Seite hoffentlich nicht einmal selbst glaubt. Russlands Präsident Wladimir Putin versucht es damit: In Kiew habe es einen „verfassungswidrigen Umsturz“ gegeben (ein Grund, Teile des Landes zu besetzen?), als das Parlament, darunter Janukowitschs eigene Partei, diesen nach seiner Flucht für abgesetzt erklärte. Verfassungswidrig waren auch die Revolution in Frankreich genauso wie die Russische Oktoberrevolution, und manche sagen gar, Putin selbst sei via Staatsstreich an die Macht gekommen… Fakt ist, Janukowitsch mit seiner korrupten Clique - und dass man am Ende noch fast 100 Demonstranten mit gezielten Schüssen tötete - haben das Land ins Chaos geführt. Mit der neuen Regierung hätte sich alles normalisieren können, das aber will Moskau offensichtlich nicht. Jetzt sollen die Krim-Bürger entscheiden, ob sie zu Russland gehören wollen - was kommt danach, das Baltikum, Transnistrien? Die russische Minderheit fühlt sich in allen ehemaligen Sowjetrepubliken benachteiligt - vor allem, weil man die jeweilige Landessprache nicht spricht. Auch direkt vor „unsrer“ Haustür, in der Republik Moldau, hat Russland darum Truppen stationiert - um dort die „russische Bevölkerung“ davor zu schützen, Rumänisch zu lernen? Versucht Putin nun mit dieser Politik der militärischen Stärke, die Sowjetunion wiederherzustellen, ist das genauso zum Scheitern verurteilt wie Russland nach dem Muster Sotschi zu modernisieren. Ein utopisches, unbezahlbares und undurchführbares Vorhaben. Freilich: In Russland kann Putin so manchem vorspielen: Wir sind stark, wir sind wieder wer! Hurra! Wladimir Wladimirowitsch ist ein richtiger Muschik (ein echter Kerl). Er manövriert sein Land aber in eine Ecke, von der man einst dachte, Russland sei da heraus. Man will dazugehören, aber doch ganz anders sein. Man will anerkannt werden, hält sich aber nicht an Regeln. Ein gleichwertiger Partner, aber sich nicht reinreden lassen. Eine solche Politik stiftet Unfrieden und Gewaltpotenziale. Im Interesse Russlands? Schliesslich kann man sich so auch überall als Schutzmacht gebären.

Am Ende leidet aber Russland selbst daran, dessen Infrastruktur ohne Auslandsinvestitionen verfällt. Man lebt nicht von Innovation, sondern von Rohstoffen, deren Ende schon abzusehen ist. Freies Denken gefährdet die Macht, so scheint es der Kreml zu sehen. Freies Denken ist aber das, was Fortschritt und Wohlstand bringt. Zu bedauern sind dabei die Ukrainer: Nicht nur muss ihnen klar sein, dass es sobald keine EU-Mitgliedschaft geben kann und auch durch eine Assoziierung für die Ukraine nicht alles besser wird - wirtschaftlich am Boden droht nun noch eine Zerstückelung.