ESCH-SUR-ALZETTECORDELIA CHATON

Dan Thoma ist als Anästhesiepfleger vom Escher Notfalldienst oft als erster am Unfallort

Dan Thoma erinnert sich noch genau. Es war nachts, als der Notarzt wegen eines Autounfalls gerufen wurde. Als das Notarztteam des Escher „service d’aide médicale urgente“ (SAMU) ankam, lief ein junger Mann im Kreis herum, dicht gefolgt von drei Feuerwehrleuten. Der Fahrer auf dem rechten hinteren Sitz war herausgeschleudert worden und hatte ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Dem Beifahrer ging es nicht besser, noch dazu hatte er einen komplizierten Armbruch erlitten. „Da der Fahrer in die Bushaltestelle gefahren war, war alles voll Glas. Selbst wir mussten sehr aufpassen“, berichtet der Anästhesiepfleger des Emile-Mayrisch-Krankenhauses in Esch-sur-Alzette. Der vierte Passagier auf dem Hintersitz war durch den Aufprall mit dem Kopf auf das Armaturenbrett geknallt, weil er nicht angeschnallt war. „Alle bis auf den Fahrer, der durch Drogen high war und nichts mitbekam, erlitten ein Polytrauma und waren minderjährig. Als Polytrauma bezeichnen wir Verletzungen von Organen oder Organsystemen, die isoliert oder in Kombination, lebensbedrohlich für den Patienten sind“, erklärt Thoma, immer noch sichtlich bewegt. Die Unfallfotos zeigt er, wenn er in Schulen Vorträge zum Thema Drogen hält. Spätestens dann hören Jugendliche hin.

Im Schnitt 7,4 Einsätze am Tag

Der 39-Jährige arbeitet erst seit 1990 im freiwilligen Rettungsdienst, für den er sich schon früh entschied und seit 1997 als Fachpfleger für Anästhesie und Intensivmedizin. Heute teilt sich seine Arbeit auf in Notarztdienst, die Arbeit in der Überdruckkammer und in der Anästhesie. Fälle wie den schweren Verkehrsunfall durch Drogeneinwirkung hat er nicht so häufig. „Wir werden im Schnitt 7,4 Mal am Tag gerufen. Oft wollen die Leute uns, weil sie den Arzt nicht erreichen. Darüber hinaus wird die Bevölkerung immer älter und damit steigt auch die Anzahl der internistischen Notfälle, wie Herz- und Lungenerkrankungen“, stellt er fest.

Junge Leute werden meist wegen hohen Alkoholkonsums eingeliefert. „Komasaufen ist in Luxemburg weniger ein Thema. Oft konsumieren sie Mixgetränke wie beispielsweise Wodka mit Saft, die sie nicht gewöhnt sind. Die anderen sagen dann: Trink mit. Es gibt auch Mutproben-Saufen“, sagt Thoma.

Im Sommer trank ein Zwölfjjähriger im Schwimmbad scheinbar unbemerkt eine halbe Flasche Wodka. „Den musste der Arzt intubieren“, erinnert sich der Krankenpfleger. Intubieren bedeutet, dass ein Plastikschlauch in die Atemröhre geführt wird. „Damit vermeiden wir, dass sich der Betrunkene erbricht und dann an seinem Erbrochenen erstickt“, beschreibt Thoma den Vorgang medizinisch. Auch die drei Beifahrer des schweren Unfalls mussten intubiert werden.

Die Gerätschaften für Notfälle befinden sich alle im SAMU-Einsatzwagen. Beatmungsgeräte, zwei Monitore um die Herzfrequenz festzustellen und einen Elektroschock verabreichen zu können und viele Koffer. Im roten Koffer ist eine kleine Intensivstation mit Medikamenten. „Wir wollen zuerst die Atemwege frei halten, dann die Atmung sichern und schließlich den Kreislauf stabilisieren. Wir gehen dabei nach dem ABC-System vor - Airway, Breathing, Circulation“, erklärt der Rettungs-Experte. Das ist nicht immer ohne Risiko. Wenn wir Naloxon - das Gegenmittel zu Heroin - verabreichen, dann verspürt der Drogensüchtige einen Mangel und wird aggressiv. Andere Probleme sind nicht sofort sichtbar. Ein Mini-Ultraschall im Rettungswagen zeigt dem Notarzt beispielsweise, ob sich Blut im Bauch befindet. Im Kühlschrank auf der Rückbank lagern Mittel gegen Herzstillstand und Kühlpacks. Im gelben Koffer befindet sich alles Notwendige für eine Amputation. „Das ist mir zum Glück noch nicht passiert“, sagt Thoma erleichtert und atmet durch. Wenn wir bei einem Patienten keinen Venenzugang mehr legen können, bleibt uns noch eine Nadel, die mit einer Bohrmaschine in den Knochen gebohrt wird. „Das brauchen wir beispielsweise bei hohem Blutverlust.“

Gasmesser fahren mit

Im blauen Koffer liegen Utensilien für die schwierige Intubation. „Wir haben sogar einen Petzi für Inhalationen bei Kindern. Es muss ja alles schnell gehen“, sagt der Luxemburger. Auch Beatmungsgeräte und Material zur Geburtsversorgung fahren mit. Wichtig ist der Gasmesser. „Wir müssen sicher sein, dass sich in einer Wohnung kein Kohlenmonoxid befindet“, erklärt der Anästhesiepfleger.

Wer im Rettungswagen ins „Centre Hospitalier Emile Mayrisch“ (CHEM) kommt, wird mit dem Aufzug in den ersten Stock gefahren und versorgt. „Dann sind zwei Rettungssanitäter, der Arzt und der Anästhesiepfleger dabei.“ Rettung ist Teamarbeit. Manche Patienten werden im Schockraum in ein künstliches Koma gelegt. „Wir können maximal zwei schwere Fälle behandeln. Die Neurochirurgie in der Stadt über nimmt die Schädel-Hirn-Traumata“, sagt Thoma. Der Operationssaal liegt einen Stock höher.

Schätzungen des Ministeriums ergaben, dass es rund 3.000 Drogenabhängige in Luxemburg gibt. Oft fangen sie mit Cannabis an. Im Krankenhaus wird bei Verdacht kontrolliert. „Die Designerdroge Crystal hatten wir noch nicht“, erzählt er. „Wohl aber junge Mädchen, die nach dem Technofestival oder einem Konzertbesuch mit Alkoholvergiftung eingeliefert werden.“ Wenn das Krankenhaus die Eltern anruft, sind diese oft ganz ungläubig. „Aber unsere Tochter übernachtet doch bei einer Freundin!“ Meist sind es ein bis zwei Fälle pro Monat, in denen Jugendliche so eingeliefert werden. „Der Gruppenzwang macht ungeheuer viel aus“, ist Thoma überzeugt.

Dan Thoma erlebt in seinem Job auch viele positive Momente, etwa als er einem Arzt am Unfallort helfen konnte, der einen Herzstillstand erlitten hatte. Oder als er noch vor Eintreffen der Feuerwehr einen Brand löschen und so dem Fahrer des brennenden Wagens das Leben retten konnte. Oder als ein Junge eine Karte für die SAMU-Mannschaft mit „Villmols merci!“ schrieb.