COLETTE MART

Der Film „L’Enquête“, der diese Woche in unseren Kinos angelaufen ist, rührt an eine schwierige Episode der Luxemburger Geschichte, und doch scheint es, als hätte unser Land jetzt diese Geschichte „adoptiert“. Der luxemburgische Filmfonds kofinanzierte nämlich diese Aufarbeitung der journalistischen Recherchen Denis Roberts über die versteckten Seiten des Luxemburger Bankplatzes, wobei Denis Robert im Jahr 2001 mit seinem Buch „Révélations“ einen wahren Wirbelsturm provoziert und zu diplomatischen Schwierigkeiten zwischen Luxemburg und Frankreich beigetragen hatte. Interessant ist der Rückblick auf die Clearstream-Affäre aus dem Jahr 2001 allemal, da Luxemburg durch die derzeitige LuxLeaks-Affäre wieder in internationale Schlagzeilen geriet. Auch wenn es ungerecht war, bei LuxLeaks lediglich Luxemburg zu visieren, so offenbaren beide Episoden doch die Geheimnisse des Bankplatzes Luxemburgs, die wir zwar kennen, aber verdrängen.

Für den politischen Kommentator, sowie auch für den Bürger präsentiert sich in beiden Episoden ein Dilemma. Einerseits möchte niemand ein Land und einen Bankplatz verteidigen, in denen schmutzige Gelder weißgewaschen und Steuerbetrug möglich werden, andererseits baute Luxemburg eine Nischenpolitik auf Bankgeheimnis und Steuerattraktivität auf, durch die die gesamte Bevölkerung, und auch noch zahlreiche Grenzgänger der Großregion, überdurchschnittlich gut lebt. Die Frage ist demgemäß, wie man als ehrlicher Mensch aus dieser Debatte herauskommt, und die Antwort hierauf liegt nicht parat. „L’Enquête“ ist ein Stück luxemburgische Geschichte und ein Stück Aktualität. Während sich mit „Révélations“ und dem darauf folgenden Buch Denis Roberts „La boîte noire“ die schwarze Kiste geheimer Konten und Transaktionen öffnete, und die luxemburgische Politik und die Finanzwelt damals um die Zukunft und den Ruf des Luxemburger Bankenplatzes fürchteten, konnte im Laufe der Zeit festgestellt werden, dass der Bankplatz dem Wirbelsturm standhalten konnte, aus der Affäre herauskam und überlebte.

Denis Robert, der über Jahre der Bösewicht der europäischen Presse und auch der Justiz war, wurde im Endeffekt doch durch ein Urteil des französischen Kassationsgerichtes rehabilitiert, wegen der Seriosität seiner Arbeit und der Opportunität seiner Recherchen. Die Geschichte von „Révélations“ bedeutet also im Nachhinein einen Sieg für den investigativen Journalismus; mittlerweile offenbarte sich jedoch auch der Zusammenhalt der internationalen Finanzwelt, ihr Einfluss auf die Presse und einen Zeit lang auch auf die Justiz. Die Tatsache, dass man in den Filmrollen der damaligen Protagonisten der Clearstream-Affäre Ernest Backes und Regis Hempel jetzt zwei hochkarätige luxemburgische Schauspieler, nämlich Christian Kmiotek und Marc Olinger sieht, bestätigt den Eindruck, dass Luxemburg jetzt den Versuch machte, die Clearstream-Geschichte einzuordnen, aufzuarbeiten und verständlich zu machen. Der Film führt in bürgerliche Straßen in Limpertsberg, in die Glaspaläste der Banken, und zeigt unser Land am Rande der „Boîte noire“, also in seinen offiziellen und inoffiziellen Facetten und Grautönen.