LUXEMBURG
SAMUEL HAMEN

Wie neue Konzepte die Nachrichtenwelt verändern

Die Medienlandschaft verändert sich rapide. Aus Hügeln werden Bergketten, aus eingezäunten Wiesen wuchernde Wälder. In den Vereinigten Staaten informieren sich viele nur mehr über Twitter. Dort haben sie nach eigenen Vorlieben jene Nachrichtenseiten abonniert, welche ihnen am meisten zusagen. In 130 Zeichen kriegen sie im Minutentakt Info-Häppchen geliefert. Das mag manchen oberflächlich erscheinen, ist aber schneller und oftmals vielfältiger als andere Formate.

Andere wiederum haben in ihrem Browser ein Lesezeichen für die FAZ und die „Zeit“, für „Le Monde“ und die „New York Times“. Diese Seiten besuchen sie im Stunden- beziehungsweise Minutentakt, um sich die jeweiligen Schlagzeilen durchzulesen. Nicht zu vergessen sind jene, und es ist nach wie vor die Mehrheit, die sich mit einer gedruckten Zeitung an den Frühstückstisch setzen.

Neue Nachrichtenformate

In den Konferenzräumen der Medienhäuser in München, Hamburg, Frankfurt und Berlin werden deswegen wahrscheinlich seit Jahren hektisch Krisensitzungen einberufen. Dann brainstormen alle wie wahnsinnig und konzipieren neue, schicke Nachrichtenformate, die dann über Beamer auf riesige Projektionswände geworfen werden. Man will ja möglichst viele Menschen adäquat informieren - und damit sein Geld verdienen. Und das heißt, dass alle, sowohl die Twitterleute als auch die Lesezeichenleute als auch die kaffeetrinkenden Printleute, beachtet werden müssen.

Dabei wird vor allem die jüngere Kundschaft, die sogenannte Zielgruppe zwischen 18 und 30, mit neuartigen Formaten anvisiert. Die „Süddeutsche Zeitung“ unterhält seit Jahren eine Plattform namens „jetzt.de“ und die „Zeit“ testet gerade online eine ähnliche Seite (www.ze.tt). Die heute-Nachrichten des ZDF versuchen sich gerade an einem Ableger, der „heute+“ heißt und spiegelonline (kurz: SPON) hat mit „bento“ ein Portal lanciert, dessen Name von kreativ angerichteten Essensboxen herrührt.

Für all diese Projekte gilt: Die Nachrichten bleiben dieselben, nur ihre Aufmachung wird eine andere. Der Ton wird legerer. Anstelle von „sehr schlimm“ steht „super schlimm“. Wenn über Mario Draghi und die Geldpolitik der EZB gesprochen wird, wird Nintendos Kultfigur Mario eingeblendet, der als Klempner Geldhähne repariert. Und bei „bento“ liest man Überschriften wie diese: „So stylisch protestieren japanische Studenten“. Bei SPON, dem Mutterschiff von „bento“, heißen inhaltlich ähnliche Artikel eher so: „Umstrittene Gesetze: Japan will wieder Soldaten ins Ausland schicken.“ In beiden Fällen wird über die Auflehnung der japanischen Bevölkerung berichtet, die mit bestimmten Militärreformen der Regierung nicht einverstanden ist. Der Schreibstil, die Art der Informationsvermittlung und die Fotos sind aber recht verschieden. Bei „bento“ sieht der Leser Bilder von Studierenden in modischen Pullis, mit Cappis und Sidecut-Frisuren. Bei SPON hingegen sehen wir den japanischen Premier mit ernster Miene an einem sehr großen und runden Tisch sitzen.

Buhlen um Klickzahlen

Solch ein Buhlen um Klickzahlen nötigt der Medienbranche Innovationslust und Kreativität ab. Wenn einer von all diesen Initiativen profitiert, dann der Leser, der mehr denn je Zugang hat zu experimentierfreudigen Nachrichten. Am besten sollte wohl jeder über seinen Zeitungs- bzw. Bildschirmrand lugen, um zu schauen, was in all diesen Konferenzräumen in Hamburg und Berlin und sonstwo gerade ausgeheckt wird.