NEU-DELHI
MARCO MENG

Von Maharadschas, Moguln und Moderne

Modern und sauber, so präsentiert sich der Flughafen von Neu Delhi. An der „frischen Luft“ aber, aus dem Bus ausgestiegen, der mich zum Hotel brachte, merkte ich gleich diesen ganz besonderen Geruch, der über Indiens Hauptstadt in einer erhitzten Dunstglocke hängt: eine Mischung aus Diesel, Blütenduft, Staub und Kerosin. Die Busfahrt zeigte mir, dass ich in einer ganz anderen Welt angekommen war: Der Verkehr ist nicht nur von der Masse her gewaltig – schließlich zählt die Metropole rund elf Millionen Einwohner – er ist auch dermaßen chaotisch, dass man kaum ablassen kann, seinen Fluss gebannt zu verfolgen.

Verkehrschaos

Der Verkehr hier ist Millimeterarbeit. Sich als Tourist wie andernorts einen Leihwagen zu nehmen und „auf eigene Faust“ das Land zu erkunden - völlig unmöglich.

Dazwischen Fahrräder, Rikschas und ab und an die ein oder andere Kuh, die die Straße überquert. Und alle – außer der Kuh natürlich - scheinen gleichzeitig zu hupen. Das ganze Bild hat fast etwas Irreales. Bei Tageslicht präsentiert sich Delhi recht freundlich: eine Stadt in den Subtropen, die gar nicht mal so „indisch“ ist, wie ich sie mir vorher vorgestellt hatte. Sicherlich liegt das vor allem daran, weil es die Hauptstadt ist.

Sehenswürdigkeiten bietet sie auch einige: Eindrucksvoll ist zum Beispiel der Platz, an dem Indiens Nationalheld Mahatma Gandhi verbrannt wurde (unweit davon war er von einem Hindu-Fanatiker ermordet worden). Wobei wir bei den Religionen sind: Deren gibt es unzählige in dem Land. Dass diese mehr oder weniger friedlich nebeneinander koexistieren, nötigt doch Respekt ab, schließlich stehen sich ja der Hinduismus mit seinem Mehrgottglauben – übrigens die älteste noch praktizierte Religion – und der streng monotheistische Islam eigentlich unvereinbar gegenüber. Bei der Stadtrundfahrt geriet ich in einen Zug merkwürdig geschmückter Menschen auf Festwagen, die an den Kölner Karneval erinnerten: wie mir der Reiseführer erklärte, ein Pilgerzug von Jainisten, die einen Feiertag hatten. Diese Religiosität begegnet einem allenthalben in Indien: sie ist aber nicht nur folkloristisch schön, sondern gilt auch zum Teil als Hemmschuh bei der Entwicklung der indischen Gesellschaft hin zu einem freien Sozialwesen: Dass nach Hinduglaube der Vater nur vom Sohn, nicht von der Tochter verbrannt werden kann (und man nur dann ins Paradies kommt), ist beispielsweise eine der negativen Seiten der Religionen.

Taj Mahal

Im wenig südlich von Delhi gelegenen Agra – die Stadt des Taj Mahal – sehe ich dann all das, was man von Filmen her kennt: ein dunkler Fluss, in dem Kinder neben Kühen und Büffeln baden und Frauen Wäsche waschen. Neben den heiligen Kühen, die, leicht abgemagert, in der Millionenstadt umherstreunen, kann man auch mal einen Affen eine Hausfassade hochklettern sehen. Eine Rikschafahrt durch eine der engen Gässchen der Stadt ist wie eine Zeitreise oder als liefe eine Filmkulisse neben einem ab. Oder wie mir ein indischer Reiseleiter sagte: Es sei schon verrückt, dass man an dem einen Ort in Indien von Modernität und Luxus umgeben sein könnte - und wenn man hundert Meter weiterginge wie 500 Jahre in der Zeit zurückreiste. Hat man den armen Kerl, der einen mit der Rikscha herumkutschierte, entlohnt und sieht sich dann die Fassaden der Häuser in Ruhe an, bemerkt man gleich die vielen Telefon- und Stromkabel, die gefährlich nah in einem kunterbunten Wirrwarr den Menschen über die Köpfe hängen.

Eine ganz andere Welt ist dann das Weltwunder Taj Mahal, ein Mausoleum in dem an Palästen, Tempeln, Festungen und Mausoleen nicht armen Land: glänzend, strahlend weiß, man möchte fast sagen, staubfrei. Moderne Maharadschas gibt es auch heute noch in Indien zahlreiche: Dieses Land zählt weltweit die meisten Millionäre und Milliardäre, andererseits wird es als völlig normal empfunden, wenn nachts auf den Gehwegen neben herrnlosen Hunden und der ein oder anderen Kuh Menschen liegen, die dort schlafen, Tagelöhner vom Land, erklärt man mir. Indien, das Ursprungsland von Schach, Algebra und Ayurveda ist voller Unterschiede.

Die Vielfältigkeit ist groß: Während die Industriestadt Jaipur eher ärmlich wirkt und heruntergekommen, fällt einem an Udaipur gleich auf, dass hier die Häuser instand gehalten werden, die Straßen erinnern mit den alten britischen Kolonialbauten an historische Zeiten. Was mir auffällt, sind die Männer, die einem zuweilen begegnen und orangeschimmernde Haare haben. „Welche Religion oder Sekte ist das?“ will ich wissen. Der Reiseführer winkt ab. „Keine Religion. Das ist ein Haarfärbemittel, das viele gegen graue Haare benutzen.“ Ich wundere und frage mich, ob ich statt mit grauen lieber mit orangenen Haaren herumlaufen würde. Ich kann nicht anders und schmunzele. Indien ist eben eine andere Welt.