DÜDELINGEN
CLAUDE MÜLLER

Tomasz Stanko und sein New York Quartet gastierten in Düdelingen

Genau sechs Jahre sind es her, dass Tomasz Stanko mit seinem europäischen „Nordic Quintet“ in Düdelingen zu Gast war. Umso gespannter erwartete man den Auftritt mit seiner amerikanischen Band, dem „New York Quartet“ am vergangenen Mittwoch im Auditorium des Kulturtempels „opderschmel“. Der mittlerweile 72-jährige Startrompeter aus Polen gehört neben Enrico Rava und Kenny Wheeler zu den Markenzeichen und Wegbereitern des modernen europäischen Jazz in der Sparte Trompete.

Entwicklung der U-Musik beeinflusst

Seinem Namen als Meister der dunklen, bedrohlichen Töne machte Stanko gleich zu Beginn mit einer wunderbaren Rubatoeinleitung alle Ehre. Der Pionier des europäischen Modern Jazz, der in den 1960er Jahren mit diversen Konstellationen eine überzeugende Antwort auf die amerikanische Free-Jazzbewegung präsentierte, setzt nach einigen fruchtbaren Ausflügen in den Electro-Jazz und Mainstream, seit einigen Jahren wieder konsequent seine Anfangs-Philosophie vorbildlich in Szene. In Düdelingen wurde am Mittwochabend bewusst, dass Solisten seiner Generation durch ihre Experimentierfreudigkeit maßgeblich die Entwicklung und den heutigen Stand der U-Musik wie Filmmusik oder der Worldmusicbewegung beeinflusst haben.

Ähnlich wie Wayne Shorter, der seine jahrzehntelangen Erfahrungen in verschiedenen Stilbereichen in suiteartigen Collagen umsetzt, bot Stanko permanent intensive spannende Momente seiner während Dekaden entwickelten Klangmalereien, die durch seinen lyrischen, manchmal geheimnisvoll anmutenden Sound, seine eigenständige Phrasierung und seine elegante Artikulation im Vordergrund standen.

Experimentelle Spielfreude

Traumwandlerisch sicher bewegte sich Pianist David Virelles auf den Pfaden einer ungewohnten Stilistik, von zeitgenössischer E-Musik und bewährten Konstruktionen des Modern Jazz geprägt, die eine ideale Basis für die eleganten Melodielinien des Leaders boten. Die Offenheit für spontane experimentelle Spielfreude und eine gewisse romantische Sensibilität, die aktuelle freie Musik betreffend, verkörperte Bassist Thomas Morgan mit einer einfühlsamen Beweglichkeit ebenso wie der sparsam dosierend agierende Schlagzeuger Gerald Cleaver , die beide die adäquate Kulisse für die manchmal gespenstigen Klangbilder des Trompeters schufen. Hauptsächlich die sanften, melancholischen Balladen, die das elegante Zusammenspiel des Quartetts und die Vielschichtigkeit der durchkomponierten Parts im Wechsel mit den kontrollierten wilden Ausbrüchen des „Edgar Allen Poe des Jazz“ unnachahmlich beleuchteten, faszinierten auf magische Weise mit immer neuen Anlehnungen an Tradition und Moderne.

Beglückwünschen und bewundern muss man auf jeden Fall die Organisatoren für die Auswahl der stilistischen Diversität der Jazzkonzerte dieser Saison auf höchstem Niveau, konnte man doch neben dem denkwürdigen Gastspiel vom Mittwoch innerhalb eines Monat in den Genuss anderer wahrer Leckerbissen mit dem Newcomer Soweto Kinch, der Kultband der Fusionmusic Spyro Gyra und des schon legendären Be-Boptrompeters Roy Hargrove kommen.