LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Erst unzufrieden, dann Bodybuilder: Philippe Agostino über seinen disziplinierten Weg

Dass unter seiner Kleidung ein paar Muskeln stecken, ahnt man sofort, wenn man Philippe Agostino sieht. Wie ausgeprägt sie sind, erkennt man aber erst richtig, wenn man ihn nach einer intensiven Vorbereitungsphase beim Posen auf der Wettkampfbühne sieht. Der 23-jährige Luxemburger ist von Beruf Krankenpfleger. Seine Freizeit verbringt er im Kraftraum. Wir haben uns mit dem Bodybuilding-Newcomer unterhalten.

Warum ausgerechnet Bodybuilding?

Philippe Agostino Ich war immer etwas dick, noch dazu bin ich nicht sehr groß. An der Größe kann man nichts ändern, an der Figur schon. Ich war 16, als ich angefangen habe, regelmäßig, aber nur so zum Spaß, ins Fitnessstudio zu gehen. Als Teenager habe ich irgendwann einmal ein Foto von einem Bodybuilder gesehen, das mich irgendwie geprägt hat. Dass so etwas möglich ist, hat mich einfach beeindruckt. Ich habe damals zwar mehrmals pro Woche trainiert, aber beispielsweise überhaupt nicht auf die Ernährung geachtet. Als ich im September 2014 dann 110 Kilo auf die Waage brachte, kam die Wende. Ich fühlte mich nicht mehr wohl und habe eine strenge Diät gemacht. Bis Februar 2015 hatte ich 30 Kilo abgenommen. Zu diesem Zeitpunkt habe ich Jean-Marie Bermer von Power-Food’s J-M.B kennengelernt und ab März mit ihm zusammengearbeitet. Als Inhaber eines Geschäfts für Nahrungsergänzungsmittel und ebenfalls Bodybuilder konnte er mich in puncto Muskelaufbau und Ernährung richtig beraten. Ab dann habe ich mich richtig reingekniet.

Was bedeutet dieses Hobby an Zeitaufwand?

Agostino Die Herbstsaison ist gerade vorbei, deshalb habe ich momentan nur fünf Trainingseinheiten pro Woche, jedes Mal zwei bis drei Stunden. In der Vorbereitungsphase auf eine Meisterschaft unternehme ich außer trainieren und arbeiten eher wenig, vor allem weil ich mich dann wirklich strikt an den Ernährungs- und Trainingsplan halten muss. Viel Platz für soziale Kontakte bleibt nicht. Und ein bisschen will meine Freundin schließlich auch von mir haben (lacht). Sie kennt mich aber eigentlich nicht anders. Wir sind jetzt sechs Jahre zusammen. Damals habe ich bereits viel trainiert. Sie hat Verständnis und unterstützt mich. Manchmal isst sie sogar aus Sympathie das mit, was ich essen muss. Was das anbelangt, kennen mich meine Leute mittlerweile.

Ist die Ernährung nicht auf Dauer etwas eintönig?

Agostino Mein Coach sorgt dafür, dass sie so abwechslungsreich wie möglich ist. Außerhalb der Saison darf ich mir ein „Cheat-Meal“ pro Woche genehmigen. Das gönne ich mir übrigens heute Abend, ohne aber zu übertreiben. Freunde und Familie wissen, dass ich für mich selbst sorge, wenn ich irgendwo eingeladen bin. Mich an den Ernährungsplan zu halten, fällt mir inzwischen nicht mehr schwer. Letzten Endes habe ich ja nur meine Ernährung umgestellt, ich bin nicht ständig auf Diät.

Hinzukommen aber Nahrungsergänzungsmittel?

Agostino Ohne geht es nicht. Würde ich achtmal pro Tag komplette Gerichte essen, also mit Hähnchen, Fleisch, Eiern und so weiter, wären Nahrungsergänzungsmittel überflüssig. Man braucht außerdem gesunde Fette wie Omega 3, um Fett abzubauen, und das gibt es auch in Form von Tabletten. Um die Dosis an Omega 3 zu mir zu nehmen, die ich brauche, müsste ich ansonsten täglich ein paar Kilo Fisch essen. Das ist übrigens alles wissenschaftlich geprüft und dopingfrei.

Apropos Doping, Bodybuilding steht ja nun doch manchmal etwas in Verruf…

Agostino Es ist offensichtlich, dass manche Personen etwas nehmen, das sieht man. Ich denke, das kann jeder handhaben, wie er will, allerdings kommt es für mich nicht in Frage. Ich gehe nicht mit dem Ziel zu Wettkämpfen, unbedingt gewinnen zu müssen, ich versuche nur, mein vorheriges Resultat zu verbessern.

Was hast Du seit März erreicht?

Agostino Anfang November habe ich beim „Grand Prix des trois frontières“ in Belgien einen dritten Platz in der Newcomer-Klasse belegt. Bei den Junioren bis 23 Jahre wurde ich ebenfalls Dritter. Das war mein erster Wettkampf. Mitte November schaffte ich bei der internationalen westdeutschen Meisterschaft eine Top 5-Platzierung. Durch diese beiden Resultate konnte ich mich gleichzeitig für den Mister Universum-Contest in Hamburg qualifizieren. Da schaffte ich es zwar nicht unter die ersten Zehn, die Qualifizierung alleine war aber bereits ein persönlicher Erfolg.

Bist du momentan zufrieden mit deinem Körper?

Agostino An sich schon. Ich habe das Glück, etwas dickere Beine zu haben, was immer gut auf der Bühne ist, weil sie sofort ins Auge stechen. Ich will mich aber weiter steigern. Wenn ich irgendwann auf der Bühne 90 Kilo trocken hätte, wäre das sehr gut.

Was bedeutet „trocken“ eigentlich? Und wie sieht die Vorbereitung auf einen Wettkampf überhaupt aus?

Agostino Fünf bis sechs Tage vor dem Wettkampf heißt es „entladen“. Die Kohlenhydrate werden ohnehin während der Vorbereitung reduziert, die Proteinzufuhr bleibt hoch. Während dieser Phase muss man zwar einerseits entwässern, natürlich gleichzeitig sehr viel trainieren, andererseits aber auch viel trinken, täglich zehn bis elf Liter Wasser und Kamillentee. Das Essen muss salzhaltig sein, sodass man den Körper gewissermaßen austrickst, damit auch genügend Flüssigkeit wieder ausgeschieden wird. Drei Tage vor dem Contest wird die Flüssigkeitszufuhr erneut reduziert, der Körper scheidet aber weiterhin viel aus. Am Tag vor dem Auftritt darf man ab ungefähr 18.00 abends nichts mehr trinken.

Fällt das nicht unwahrscheinlich schwer?

Agostino Beim ersten Mal ja, dann ging es. Wahrscheinlich würde es leichter fallen, müsste man nicht die ganze Zeit Reiskekse essen. Die sind so trocken, dass man sie fast nicht runterbekommt (lacht). Man dehydriert an sich komplett, etwas Kopfschmerzen gehören dazu, deshalb verbringt man die Zeit zwischen den Auftritten auch immer im Liegen mit hochgelegten Beinen. Das macht man aber nun wirklich nur für und an Tag X. Es geht darum, das Wasser, das sich zwischen der Haut und den Muskeln abgelagert hat, wegzubekommen, damit man am Stichtag wirklich jeden Muskel klar definiert sieht.

Und weshalb der braune Anstrich?

Agostino „Tanning“ nennen wir das. Die Beleuchtung auf der Bühne ist extrem hell, wenn man ohne diese Farbe auftritt, sieht man die Muskulatur nicht so gut. Durch das „Tan“ sticht alles besser heraus. Vorher hat man noch Selbstbräuner aufgetragen. Einiges davon schwitzt man noch in den drauffolgenden Tagen heraus. Dementsprechend sieht dann auch schon mal das Bettzeug aus.

Kann eigentlich jeder mit der nötigen Disziplin einen solchen Körper bekommen?

Agostino Ich kann nur für mich reden, und ich war nicht dick, nein ich war fett, und jetzt sieht mein Körper doch ziemlich gut aus, und ein paar Pokale habe ich auch bereits mit nach Hause genommen. Wenn man sich anstrengt und wirklich 150 Prozent gibt, sich komplett an den Ernährungs- sowie Trainingsplan hält, einen guten Trainer sowie ein starkes Team hinter sich hat und noch dazu auf die Unterstützung der Familie zählen kann, dann kann man alles erreichen. 150 Prozent sind aber, wie gesagt, nötig.