Wäre Jean-Claude Juncker vor mehr als 30 Jahren nicht direkt von der Schulbank in die Politik eingestiegen, er hätte glatt Schauspieler werden können. Nach all dem, was vorher schon passiert war (die LSAP hatte der CSV schon am Freitag mit der Verabschiedung des SREL-Abschlussberichts die Koalition aufgekündigt), am Mittwochabend nämlich so zu tun, als ob ihn die Motion seines Juniorpartners, in der dieser den Staatsminister aufforderte, seine politische Verantwortung zu übernehmen und den Weg für Neuwahlen freizumachen, tatsächlich überrasche, das war ganz großes Theater. Ebenso wie sein Bekenntnis, dass er sich nie habe vorstellen können, dass ihm jetzt ausgerechnet die Sozialisten nach 25 Jahren guter Zusammenarbeit ein Bein stellen würden.
Damit nimmt die CSV im jetzt anstehenden Wahlkampf ganz bewusst die Opferrolle ein, muss sie sich doch gegen all die anderen, bösen Parteien durchsetzen, denen es bekanntlich nur um die Macht und nicht - wie der CSV - ausschließlich um das Wohl des Landes geht. Dass die ungewohnt in die Minderheit versetzte CSV in den nächsten Wochen mit harten Bandagen kämpfen wird und der Wahlkampf für Luxemburger Verhältnisse außergewöhnlich hart zu werden droht, daran besteht kein Zweifel. Ebenso wenig daran, dass Juncker noch einmal als Spitzenkandidat antreten wird - was sollte er auch sonst tun.
Dass der christlich-soziale Premiermethusalem trotz seiner Schlappe in der Geheimdienstaffäre immer noch gute Chancen hat, auch am 20. Oktober noch einmal den Posten des Regierungschefs zu übernehmen, dürfte nicht zuletzt auch damit zu tun haben, dass es vielen Luxemburgern mit Juncker geht wie mit der „Lindenstraße“: Diese ist zwar meistens kitschig und blöd, und auch wenn man sie jahrelang nicht mehr gesehen hat, so kann man sich ein Leben ohne sie doch nicht richtig vorstellen - nur dass Juncker noch länger dabei ist als die „Lindenstraße“, die erst seit 1985 ausgestrahlt wird. So könnte es passieren, dass Juncker nur deshalb wiedergewählt wird, weil es ihn eben schon seit ewigen Zeiten gibt und manch ein Luxemburger eben der Meinung ist, dass das auch so bleiben soll. Dass das nichts mit der CSV zu tun hat, das weiß keiner besser als die CSV selbst, die nichts anbrennen lässt und ihren Wahlkampf gleich am Mittwochabend mit dem Slogan „Mir mam Premier!“ einläutete. Ohne diesen - und ohne François Biltgen, ohne Marie-Josée Jacobs und mit einem arg angeschlagenen Luc Frieden - riskiert die CSV nämlich wirklich die Wahlen zu verlieren. Wird Juncker dann noch einmal Premier, dürfte er indes versuchen, sich im nächsten Jahr doch noch nach Brüssel abzusetzen, um dort entweder die Nachfolge von Van Rompuy oder von Barroso anzutreten. Und sei es nur, um seiner verhassten Parteifreundin Viviane Reding den erträumten Karriereaufstieg zu verderben...
Bei der LSAP scheint sich derweil der politisch noch unverbrauchte Wirtschaftsminister Etienne Schneider durchgesetzt zu haben, Spitzenkandidat seiner Partei zu werden, hat Vizepremier Jean Asselborn doch für heute morgen eine Erklärung angekündigt. Damit wagt wenigstens die LSAP einen Neuanfang.


