CLAUDE KARGER

Was für ein politisches Jahr! 10. Juli 2013: Die CSV/LSAP-Koalition geht im Zuge der bis heute immer noch nicht ausreichend aufgearbeiteten Geheimdienstaffäre, vor allem aber wegen der Unstimmigkeiten über den notwendigen Sparkurs in die Brüche. Tags darauf eröffnet die CSV den Wahlkampf - Spitzenkandidat ist natürlich Jean-Claude Juncker. 20. Oktober 2013: Neuwahlen. Am Ende beschließen DP, LSAP und Grüne, es gemeinsam zu versuchen. 7. März 2014: Nach Monaten des Hickhacks über seine künftige Karriere wird Ex-CSV-Premier Jean-Claude Juncker zum Spitzenkandidaten der Europäischen Volkspartei für den Posten des EU-Kommissionspräsidenten gekürt. 25. Mai 2014: Bei den Europawahlen gewinnt die CSV in Luxemburg. Im Europaparlament bleibt die EVP stärkste politische Kraft. Ergo soll sie den Kommissions-chef stellen, was allerdings den Machthabern in Großbritannien und Ungarn nicht gefällt. 27. Juni 2014: Der Europäische Rat schlägt Jean-Claude Juncker als nächsten Präsidenten der Europäischen Kommission vor. Kommende Woche wird er als solcher vom Europaparlament bestimmt. 11. Juli 2014: CSV-Mann Luc Frieden, 15 Jahre Regierungserfahrung als Finanz-, Budget- und Justizminister und ehemaliger „Dauphin“ des „Übervaters“ Juncker, zieht sich aus der Politik zurück und wechselt in die Führungsetage der Deutsche Bank.

„Oppositionspolitik liegt mir nicht“, sagte er dem „Wort“. Der Mann hatte wohl mit einem Dauerabonnement auf die Macht gerechnet. Doch das gibt es in einer Demokratie nicht. Da wechseln Majoritäten nun mal. Dass wegen dieser Erkenntnis die CSV immer noch unter Schock steht, war vorgestern wiederum beim Sommerfest der Partei festzustellen, bei dem der Präsident erneut über den berühmten Wählerwillen philosophierte. Die Bürger hätten nicht gewollt, dass die stärkste Partei nicht in der Regierung sitzt. Aha. Ob die Leute im „Zentrum“, die Luc Frieden am 20. Oktober mit 29.441 Stimmen als ersten CSV-Politiker im Bezirk wählten, wollten, dass der Mann sein Mandat nun abgibt?

Über die Interpretation des Wählerwillens lässt sich bekanntlich trefflich streiten. Gleichsam über die Frage, ob ein Minister oder in diesem Falle ein „frisch gebackener“ Ex-Minister so, zack, von heute auf morgen in die Privatwirtschaft wechseln darf. Kommende Woche steht der Deontologiefragenkomplex ja mal auf der Tagesordnung der „Chamber“, die endlich einen „Ehrenkodex“ für Deputierte festzurren will. Da müssen weitere folgen. Aber zurück zur CSV, die sich zum ersten Mal seit 40 Jahren in einer Oppositionsrolle zurecht finden muss und zum anderen in letzter Zeit eine Menge Zugpferde verloren hat - Biltgen, Jacobs, Frieden und vor allem Juncker natürlich, ohne den in seiner Partei über 20 Jahre lang nichts ging. Die alt-neue Führungsriege will nun neue Saiten aufziehen um neue Seiten in der CSV-Geschichte zu schreiben. Eine riesige Herausforderung fürwahr, schließlich muss sie die Partei quasi völlig neu organisieren, als Oppositionskraft ständig überzeugen und in knapp drei Jahren ein neues politisches Zugpferd aus dem orangenen Krabbenkorb zaubern, in dem es jetzt erst so richtig heiß wird. Merke: Die Herausforderungen für die Regierungsparteien sind zwar etwas anders gelagert, aber kaum weniger intensiv.