LUXEMBURGCLAUDE KARGER

„Stay behind“ und parallele Geheimdienste: Auch in Luxemburg längst keine Aufklärung

Was war „Stay behind“ wirklich? 22 Jahre nachdem der italienische Premierminister Giulio Andreotti als erster Regierungschef die Existenz einer NATO-Geheimarmee zugeben musste und bestätigte, dass es solche Strukturen in den meisten anderen westeuropäischen Ländern gab, ist noch immer nicht klar, wie genau das Netzwerk, das im Fall einer sowjetischen Invasion in Westeuropa den Widerstand organisieren sollte, genau funktionierte und bei welchen Aktionen die „Stay behind“-Agenten mitmischten. In Italien, wo das Netzwerk namens „Gladio“ am besten dokumentiert ist, waren sie erwiesenermaßen an einer Serie von blutigen Bombenattentaten mit Verbindungen zu rechtsextremen Gruppierungen beteiligt. Wenige Monate nach Andreottis Ankündigung musste auch der Luxemburger Premier Jacques Santer nach einigem Hin und Her das „Stay Behind“ hierzulande enthüllen. Im Rahmen einer parlamentarischen Sitzung bestätigte Santer, dass Luxemburg seit 1952 über ein „Stay Behind“-Netzwerk verfügte. Seit der Gründung des „Service de Renseignement de l’Etat“ unterstand das Netzwerk dem Geheimdienst.

Codename: „Le Plan“

Der Codename für die Luxemburg „Stay Behind“-Struktur lautete: „Le Plan“. Santer beschwichtigte jedoch gleichzeitig, dass im Gegensatz zu dem, was das NATO-Konzept vorgesehen hatte, das „Stay Behind“ in Luxemburg nie über einen operativen Zweig verfügt habe. Und der CSV-Premier versicherte damals, dass die Planung und Durchführung von Sabotage-Akten nicht zum Aufgabenbereich des „Stay Behind“ in Luxemburg gehörten. Ein einziges Waffenversteck sei eingerichtet worden, zu dem die Agenten jedoch selber keinen Zugang gehabt hätten. Die darin enthaltenen Waffen seien jedoch nie gebraucht und in der Zwischenzeit zerstört worden. Das Netzwerk habe zu keinem Zeitpunkt über mehr als zwölf Agenten verfügt, die sich untereinander nicht einmal kannten und deren Hauptwerkzeug ein „Harpoon“-Funkgerät war, mit dem die Agenten Informationen verschlüsselt übermitteln sollten. Abgesehen von regelmäßigen Tests der Geräte habe das Netzwerk demnach auch an keinen Manövern teilgenommen. Auf die Frage hin, ob das „Stay-Behind“ an dem „Skandal“-Manöver „Oesling84“ - „Skandal“-Manöver, weil bei der Aktion auf belgischer Seite in der Kaserne von Vielsalm mit scharfer Munition auf einen Wachposten geschossen wurde, der dabei fast umkam - teilgenommen habe, antwortete Santer im Dezember 1990: „Il n’y a jamais eu d’exercices de services étrangers sur notre territoire et nos agents n’avaient jamais quitté notre territoire.“ Diese Version stützt der Bericht der Geheimdienstkontrollkommission des Parlaments aus dem Juli 2008, der auf der Basis des Geheimdienstarchivs zum Schluss kommt, dass weder der SREL noch „Stay Behind“ am „Skandal“-Manöver „Oesling 84“ teilgenommen habe. Am 10. Januar 1991 kündigte der damalige Premierminister Santer in einem öffentlichen Brief die Auflösung von „Stay Behind“ an und dankte allen Agenten für ihren „patriotischen“ Einsatz. Wahrscheinlich ging es dann schnell mit der Zerstörung der relevanten Dokumente, die nie, wie in anderen Ländern, von einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss in Augenschein genommen werden konnten.

Der Parlamentsausschuss konnte 2008 lediglich feststellen dass viele Dokumente im Zusammenhang mit „Stay Behind“ gemäß den Sicherheitsbestimmungen der NATO bereits zerstört waren. Die Gewissheit, ob „Stay behind“ im Großherzogtum tatsächlich so funktioniert hat, wie offiziell dargestellt, und nicht etwa wie anderswo mit einem „operativen“ Arm, der laut NATO- Strategie Sabotage-Aktionen durchführen sollte, gibt es also bis heute nicht. Bei unseren Recherchen zum Thema im Frühjahr sagte uns ein hochrangiger belgischer Militär und ehemaliges Mitglied des militärischen Geheimdiensts SGR folgendes: „Was den Stay Behind anbelangt, verfolgt man in Luxemburg, wie im Ausland, eine Salami-Taktik. Man bestätigt immer nur das, was schon bekannt ist.“ In der Tat versuchten auch der belgische Armee-Geheimdienst SGR und der Inlandsgeheimdienst „Sûreté de l’Etat“ sich hinter dieser Version zu verschanzen. In den Mittelpunkt rückt dabei erneut die Beteiligung des „Stay Behind“ an den NATO-Manövern „Oesling“, bei denen unter anderem die Durchführung von Sabotage-Aktionen trainiert wurden. „Die Oesling Manöver waren „Stay Behind“-Manöver. Eine Beteiligung der belgischen oder luxemburgischen Netzwerke zu leugnen, heißt eine Evidenz zu leugnen,“ so der belgische Offizier. Im Hintergrund dieser Manöver, bei denen Sicherheitskräfte gemeinsam mit US-Special Forces Sabotage-Techniken trainierten, operierten jedoch an der Seite der Angreifer eine ganze Reihe von Zivilisten, die als Unterstützer für Logistik, Transport und die Übermittlung von geheimen Nachrichten verantwortlich waren. Der Schluss liegt nahe, dass es sich dabei um „Stay Behind“-Agenten gehandelt hat. Nach Aussagen von Beteiligten galten die Oesling-Manöver vornehmlich dem Training dieser Zivilisten und nicht den Angreifern oder Verteidigern. Nach Ansicht des belgischen Senats ist es praktisch erwiesen, dass Teile des belgischen „Stay Behind“ an den Manövern teilgenommen haben. Doch in welchem Kontext ist unklar. Der Bericht weist auf über zwanzig Seiten auf Ungereimtheiten hin, bei der offiziellen Darstellung des „Stay Behind“ und kommt letztlich zum Schluss, dass es Parallelstrukturen zum „Stay Behind“ in Belgien aber auch in anderen Ländern gegeben haben muss. Über diese „anderen Netzwerke“ ist bis heute jedoch nur wenig bekannt.

Kommandierte die NATO direkt?

Gesichert ist, dass in Belgien eine ganze Reihe von ehemaligen Fallschirmjägern an dem Oesling-Manöver 1984 teilnahmen, die aus den Reihen von „Amicales“ rekrutiert wurden. Vom „Journal“ kontaktiert, bestätigte ein Mitglied einer dieser Gruppen, zu einem „offiziösen Netzwerk“ gehört zu haben, das im Kriegsfall zu den Waffen hätte greifen sollen. Er sei von seinen ehemaligen Vorgesetzten aus der Armee kontaktiert worden und man habe ihm versichert, dass er im Dienst des Landes stehen würde. Die Existenz des Netzwerks könne man jedoch niemals bestätigen. Im Fall, wo seine Deckung auffliegen würde, sei man gezwungen, ihn fallen zu lassen. Auf die Frage, ob es ähnliche Strukturen in Luxemburg gab, antwortet er: „Wir standen im Kontakt mit einer Gruppe von Gleichgesinnten aus der Grenzregion im Norden Luxemburgs.“ Verfügte auch Luxemburg demnach über Parallelstrukturen des „Stay Behind“? Mit Männern, die so geschult waren, dass sie, wie RTL rezent berichtete, unauffällig ins Armeezentrum auf Herrenberg gelangen konnten und wieder hinaus, um Abhöranlagen zu installieren. Wenn ihnen das gelang, waren die Agenten, die für die „Agence Nationale de Sécurité“, eine Abteilung des Geheimdiensts, gearbeitet haben sollen, sicher auch fit für andere Aktionen. Unter dem direkten Kommando der NATO?