LONDON
CHRISTIAN SPIELMANN

Andrew Lloyd-Webbers neues Musical „Stephen Ward“ greift eine politische Affäre auf

Wenn Stephen Ward (Alexander Hanson) im Horror-Wachsfigurenkabinett zwischen Hitler, Stalin, Jack the Ripper und Dschingis Khan steht und zu „Human Sacrifice“ seine Geschichte zu erzählen beginnt, könnte man glauben, dieser Mann wäre ein absolutes Scheusal gewesen, der seinen Platz inmitten dieser grausamen Menschen verdient.

Doch der echte Stephen Ward war ein erfolgreicher Osteopath, der Patienten wie Gandhi, Winston Churchill, Ava Gardner oder Mary Martin behandelte. Sein Faible für hübsche Mädchen war der Auslöser der so genannten Profumo-Affäre im Jahr 1963, ein Skandal um den damaligen britischen Kriegsminister John Profumo.

Baron Andrew Lloyd-Webber benutzte diese Affäre für sein neues Musical „Stephen Ward“, das im Londoner Aldwych Theatre am vorgestrigen Donnerstag Weltpremiere feierte. Christopher Hampton und Don Black schrieben das Buch und die Liedtexte. Richard Eyre inszenierte die Show.

Ward wird zum Sündenbock

Der erste Akt dreht sich um die Beziehung zwischen Ward und dem Mannequin Christine Keeler (Charlotte Spencer), das er in einem Klub kennen lernt. Allerdings ist nicht klar, warum Ward Christine anderen Männern, wie dem Grundbesitzer Peter Rachman (Martin Callaghan), überlässt, da er in sie verliebt zu sein scheint.

Und sie meint sogar, dass er etwas Spezielles in ihr sieht. Unterdessen lernt Ward die hübsche Mandy Rice-Davies (Charlotte Blackledge) kennen, der er ebenfalls freien Lauf gewährt. Schließlich begegnen sie dem Minister Profumo (Daniel Flynn) im Haus von Lord Astor, wo eine ausgelassene und freizügige Party gefeiert wird. Unter den Gästen ist auch der russische Marineattaché Yevgeny Ivanov (Ian Connigham). Profumo findet Gefallen an Christine, und beide landen im Bett.

Ein Streit zwischen Johnny Edgecombe (Wayne Robinson), einem Ex-Liebhaber von Christine, und dem Musiker Lucky Gordon (Ricardo Coke-Thomas) löst die Affäre aus. Johnny schießt auf Wards Wohnungstür, weil Christine ihm nicht öffnet und wird verhaftet.

Die Relation von Christine zu Profumo, wie auch zu Ivanov wird der Polizei und den Politikern bekannt. Ihr wird vorgeworfen, Profumo für die Russen ausspioniert zu haben. Als sie nicht zu Edgecombes Prozess erscheint, nimmt die Presse dies zum Anlass, die Affäre publik zu machen.

Der zweite Akt dreht sich um den Prozess gegen Ward, den man anklagt, seinen Lebensunterhalt mit Geldern zu finanzieren, die er mit Prostitution verdient. Eigentlich rächt sich die Politik lediglich an Ward, dem man an dieser angeblichen Spionageaffäre keine Schuld nachweisen kann. Seinen Schuldspruch bekommt er jedoch nicht mit, denn er nimmt sich das Leben. Viele Figuren defilieren hier während gut zwei Stunden auf der Bühne, und der Zuschauer muss verdammt gut aufpassen, dass er der Faden nicht verliert. Besonders der zweite Akt ist voll gestopft mit Polizisten, Agenten, Journalisten und Politikern, die Christine und Ward ausfragen, respektiv vor Gericht aussagen.

Schwer zu deutende Motive

Am Ende bleiben viele Fragen offen, speziell die, warum Ward nicht an Christine festhielt, und warum er diesen Drang hatte, immer seine Mädels an andere Männer weiterzureichen.

Ein Zuhälter, der vom Geld seiner Mädels lebt, war er sicher nicht. Vielleicht versuchte er nur sein Ego mit seiner Güte aufzupolieren. Aber ersichtlich wird dies im Musical nicht. Alexander Hanson spielt und singt in Perfektion diesen Mann, dessen Motive schwer zu deuten sind. Ins Gruselkabinett gehört er sicher nicht. Er ist von der politischen Macht geopfert worden, weil er eine unsichtbare Linie überschritten hat.

Musikalisch hat der Baron nicht wesentlich Neues komponiert, und viele seiner Songs erinnern an „Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat“ oder „Sunset Boulevard“. Der musikalische Reigen reicht von rockigen Nummern, wie „Manipulation“, über sanftere Titel, wie „He Sees Something in Me“, bis zu Reggae-Klängen in „Black Hearted Woman“.

Einen guten Schuss Erotik wurde in die Nummer „You’ve Never Had it so Good“ verpackt, wie auch in die Pool-Party. Das genügt alles aber nicht, um aus „Stephen Ward“ ein umwerfendes Musical zu machen!