LUXEMBURGSVEN WOHL

Literaturkritik: „Tampa“ von Alissa Nutting

Es klingt ein wenig abgedroschen, doch „Tampa“ von Alissa Nutting lässt sich nicht so einfach kritisieren. Denn weder das Thema, noch die Form, noch die Art, wie es geschrieben ist, macht es einem leicht, darüber zu schreiben. Doch über „Tampa“ zu schreiben macht Sinn, denn lesenswert ist das Buch dann doch. Vielleicht schon alleine deshalb, weil das eine oder andere Tabu gebrochen wird.

Verwerfliche Jagd

Aber fangen wir dort an, wo die meisten Leser es tun: Beim Cover. Ein Knopfloch ohne Knopf, das dank der Farbgebung, an eine Vagina erinnert. Die Erwartungen und Hoffnung befinden sich zu diesem Moment auf niedrigstem Niveau, aber das Cover erfüllt seinen Zweck, zieht den Blick an und überrumpelt den einen oder anderen Literaturkritiker. Der Inhalt überrascht einen quasi sofort, was die schriftstellerische Qualität angeht, doch es ist die Geschichte, die hier eigentlich der Star ist und die einen packt. Denn die Protagonistin, Celeste Price, ist in der Stadt Tampa Lehrerin und pädophil. Sie nutzt ihren Job, genau so wie ihre Ehe auch, als Mittel zum Ziel. Dass sie hier Jagd auf 14-jährige Jungs, die möglichst präpubertär sein sollten, macht, wird hier nicht irgendwie verharmlost, sondern mit voller Härte gezeigt. Die Ich-Erzählung gibt einen direkten Einblick in die krasse und kranke Gedankenwelt der Protagonistin und damit gelingt wohl der frustrierendste Geniestreich: Die Erzählung macht die Gedankenwelt nachvollziehbar - ob man nun will, oder nicht.

Wechselwirkung

Denn obwohl ihr Handeln aus einer moralischen Perspektive vollkommen verwerflich ist und die Perversion dieser Frau unfassbar bleibt, fasziniert die Art und Weise, wie sie die Welt um sich herum beschreibt und sieht. Die schriftstellerische Qualität findet sich nicht nur in der Sprachgewandtheit, die von der Protagonistin ausgeht, sondern auch in der Spannung, die diese hervorruft. Die Protagonistin wirkt phasenweise interessant und sympathisch, dann wieder Ekel erregend und abstoßend. Sexszenen gibt es zuhauf, wobei die Beschreibungen jeweils kurz aber heftig sind, so dass sich zwar Repetition, aber keine Langeweile einschleichen will. Es wird kein Blatt vor den Mund genommen, wenn es darum geht, wie die Protagonistin diesen Sex empfindet und gerade dadurch gewinnen diese Szenen unglaublich an Reiz: Zum einem sind die Szenen moralisch nicht zu vertreten, zum anderen ist die zu Grunde liegende Perversion geradezu faszinierend.

Scharfe Satire

Dieser schriftstellerische Handgriff verwandelt „Tampa“ in eine schlagkräftige Satire, die gewisse hypokritische Tendenzen der Gesellschaft, wenn es um Pädophilie geht, bloß legt. So wird schnell klar, dass die Protagonistin den Jugendwahn der Gesellschaft nutzt um ihr Verhalten zu rechtfertigen. Dass es sich hier um eine Frau mit pädophilen Tendenzen handelt, bringt zusätzliche noch einen ganz eigenen Dreh in die Geschichte. Wenn zumeist in den Medien weibliche Pädophilie gänzlich fehlt, wird hier eine Facette und Perspektive aufgeboten, die bisher alles andere als ausgeschöpft wurde. Dass die teilweise überzogene Darstellung der Protagonistin einen zusätzlichen Witz in die Erzählung mitbringt, schadet da natürlich auch nicht. Damit ist „Tampa“ letztlich wesentlich mehr als es das reißerische Cover vermuten lässt.


„Tampa“ von Alissa Nutting ist beim Hoffmann und CampeVerlag erschienen. Preis: 19,99€. ISBN: 978-3-455-40460-9