LUXEMBURGPATRICK WELTER

Zufällige Entdeckung von Grundbelastung des Stausees - Minister stellen Notfallplan vor

Fast muss man von einem Glücksfall reden, weil es vor wenigen Tagen in Belgien einen kleinen Chemieunfall gab. Ein landwirtschaftlicher Sprengwagen stürzte um und entlud seine Pestizide nicht fein zerstäubt auf den Äckern, sondern in einem Schwung in die Sauer - immerhin 6.000 Liter.

Da die Sauer den „Stau“, Luxemburgs größtes Trinkwasserreservoir, speist, wurden die luxemburgischen Behörden und das Trinkwasser Syndikat SEBES, das mehr als die Hälfte des Landes vom Stausee aus mit Trinkwasser versorgt, umgehend informiert. Eine erste Wasserprobe ergab eine nur geringe Belastung mit Metazachlor (CAS 67129-08-2) - dumm nur, dass die Giftwelle des Unfalls zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht im See angekommen war. Was nichts anderes bedeutet, als dass Luxemburgs nationaler Trinkwasserspeicher eine Grundbelastung mit Pestiziden aufweist!

Was passiert, wenn die zusätzliche Giftquelle sich damit aufaddiert? Entsprechend brach in den betroffen Verwaltungen und Ministerien Hektik aus. Gestern gingen gleich drei Minister gemeinsam an die Öffentlichkeit: Umweltministerin Carole Dieschbourg, Innenminister Dan Kersch und Landwirtschaftsminister Fernand Etgen, unterstützt von Staatsekretär Camille Gira und verschiedenen Behördenleitern präsentierten ein aktuelles Lösungsszenario, dass ein Krisenstab entwickelt hat. Sie mussten aber auch einräumen, dass nun grundsätzliche Fragen im Raum stehen.

Aktuell ist das SEBES-Wasser voll nutzbar, vom Verzehr von Fischen aus Fluss und See wird aber derzeit abgeraten.

Kersch: Keine Panik

Gegenüber den Bürgern stehen in Sachen Trinkwasser zunächst einmal die Gemeinden in der Pflicht, daher hat Innenminister Dan Kersch die Kommunen schon gestern per Rundschreiben über Notfallmaßnahmen in Kenntnis gesetzt. Denn bis zum 7. Oktober soll die Giftwelle, die aktuell die „Misèresbreck“ passiert, den Entnahmebereichs des Sees, aus dem 50% der Kommunen versorgt werden, erreichen.

Kersch betonte, dass es sich um ein vorbeugendes Szenario handele. Die betroffenen Gemeinden sollen sich darauf vorbereiten, einige Tage ohne SEBES-Wasser auszukommen und die eigenen Quellen auf eine Leistung von 100% hochzufahren, aber keine stillgelegten Quellen aktivieren, dass würde nur zu weiteren Problemen führen. Ebenso stehen die vier nationalen Ersatzquellen (für einen SEBES-Ausfall) für einen Einsatz bereit.

Rein technisch wird SEBES bei der Wasseraufbereitung den Durchsatz mit Ozon drastisch erhöhen, um das Herbizid, das beim Rapsanbau eingesetzt wird, zu neutralisieren. Sollte das nicht reichen, laufen die von Kersch vorgestellten Maßnahmen an. Das Trinkwassersyndikat wird auch alle Kommunikationsaufgaben mit den Bürgern übernehmen.

Argument für mehr Schutzgebiete

Landwirtschaftsminister Fernand Etgen argumentierte zwar, dass es im Interesse der Landwirtschaft sei, mit den „streng regulierten Pestiziden“ verantwortlich um zugehen, aber die Entdeckung einer Grundbelastung des Stausees mit Spritzmitteln bringt die konventionelle Landwirtschaft unter Druck: Die 6.000 Liter Metazachlor wären sowieso in der Sauer gelandet, nur feiner verteilt.

Staatsekretär Gira betonte, dass eigentlich schon seit zwei Jahrzehnten 80 (!) Trinkwasserschutzgebiete hätten ausgewiesen werden müssen. Allein um den Stausee besteht bis jetzt ein Trinkwasserschutzgebiet. Mit der Entdeckung einer Pestizid-Grundbelastung haben die Befürworter einer Ausweisung großräumiger Trinkwasserschutzgebiete und damit auch dem Bereichsplan „Landschaften“, kräftige und kaum zu widerlegende Argumente auf ihrer Seite. Die Vertreter der konventionellen Landwirtschaft rund um den See werden mit ihrem „Weiter so“ scheitern.