LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Schlankheitswahn oder Fress-Attacken? Hier gibt es Hilfe

Dipl.-Psychologin Nadège Leonhard von der Erzéiongs- a Familljeberodung erklärt, wie Angehörige und Betroffene am besten mit Essstörungen umgehen. Laut ihr sind keineswegs nur Mädchen betroffen. Schönheitsideale spielen eine große Rolle. Ihre Beratungsstelle kümmert sich nur um Jugendliche.

Frau Leonhard, wer kommt mit Essstörungen zu ihnen?

Nadège Leonhard Das ist unterschiedlich. Meist sind es Jugendliche. Manche haben sich selbst dazu entschlossen, andere werden geschickt. Manchmal kommen auch Eltern ohne Kinder. Wir behandeln allerdings aus Kapazitätsgründen keine Erwachsenen. Die meisten Betroffenen sind immer noch Mädchen, auch wenn es immer mehr Jungs gibt, die unter Druck stehen.

Wie können Angehörige eine Essstörung feststellen?

Leonhard Das fängt mit Beobachtungen an. Wie verändert sich das Kind? Zieht es sich zurück und meidet gemeinsame Mahlzeiten? Fehlen auf einmal bestimmte Nahrungsmittel? Ist die Keksdose leer? Je nach Krankheit kann sich auch das Verhalten ändern. Die Jugendliche isst einen ganzen Teller voll Gemüse, aber meidet Fett oder Kohlenhydrate.

Was löste Essstörungen aus?

Leonhard Das kann eine Diät sein. Viele Mädchen nehmen sich retuschierte Fotos von Stars zum Vorbild und machen sich gar nicht klar, dass das nicht die Realität ist. Da werden die Beine verlängert, der Busen vergrößert, Pickel und Falten entfernt und die Hüften schmal geschnitten. Es entstehen hohe Erwartungen, weil ich mich an etwas messe, das es nicht gibt. Aber das wollen viele nicht glauben. Darüber hinaus wird schlank sein mit anderen Attributen assoziiert wie gesund oder diszipliniert, auch wenn das so nicht stimmt.

Liegt die Ursache für Essstörungen in den Schönheitsidealen?

Leonhard Bei Magersüchtigen oder Bulimikern kann das eine Rolle spielen, vor allem wenn die Mode ganz eng anliegend ist. Aber es gibt auch eine genetische Prädisposition. Schließlich spielen Essgewohnheiten innerhalb der Familie eine Rolle. Und natürlich das Verhalten der Eltern. Wer ständig vor dem Spiegel steht und sich sorgt, dass er oder sie zu viel Hüftspeck hat, riskiert, dass die eigenen Kinder nicht entspannt in die Pubertät hinein wachsen. Am besten ist es, die Figur nicht dauernd zu bewerten. Hinzu kommt der Druck in der Schule durch Gleichaltrige. Es geht darum, die Persönlichkeit zu stärken.

Wie behandelt man Essstörungen am besten?

Leonhard Wer einen Verdacht hat, sollte das direkt mit dem Kind ansprechen. Je früher die Problematik erkannt wird, desto besser sind die Heilungschancen. Schuldzuweisungen sollte man vermeiden, sie helfen nicht weiter. Gemeinsam kann man dann überlegen, was Ursachen in der Familie und in anderen Bereichen sein könnten. Es hilft schon, wenn der Jugendliche merkt, dass die Eltern sich für ihn interessieren.

Nehmen Essstörungen zu?

Leonhard Nein, das war in den 80er und 90er Jahren ein deutliches Phänomen, seither gibt es eine konstante Rate an Betroffenen. Wir haben im Moment in unserer Beratungsstelle sehr viel mit Selbstverletzungen zu tun. Was Essstörungen anbelangt überwiegt bei uns die Anfrage im Zusammenhang mit Bulimie und Magersucht bei Jugendlichen.

Wie sieht es mit den Heilungschancen aus?

Leonhard Rund ein Drittel werden geheilt, bei einem Drittel bessert es sich und ein Drittel wird chronisch krank. Die Ausprägung der Symptomatik kann sehr unterschiedlich sein. Aber wenn jemand nicht mehr erbricht, können seine Gedanken trotzdem immerzu ums Essen kreisen.