LUXEMBURGCLAUDE KARGER

Vor dem Luxemburger Staatsbesuch: Botschafter Bartosz Jalowiecki im Interview

Seit 93 Jahren schon unterhalten Luxemburg und Polen bilaterale Beziehungen. Mit dem polnischen Botschafter Bartosz Jalowiecki unterhielt sich das „Journal“ über deren heutige Qualität, den bevorstehenden Staatsbesuch des großherzoglichen Paares und die Auswirkungen der Ukraine-Krise. Der 42jährige Diplomat und vormalige Unternehmer ist natürlich auch Ansprechpartner für die polnische Gemeinschaft in Luxemburg, die derzeit um die 4.000 Mitglieder zählt.

Wie ist der Zustand der bilateralen Beziehungen zwischen Polen und Luxemburg heute?

Bartosz Jalowiecki Es gibt kaum Länder in Europa, die so unterschiedlich sind was die Größe, die Geschichte, die Bevölkerung und die Wirtschaft anbelangt und die derart gute Beziehungen haben wie Polen und Luxemburg. Das merkt man auch auf europäischem Plan: Beide Länder liegen da meist auf einer Linie.

Wie groß ist die Bedeutung des Staatsbesuchs des großherzoglichen Paares in Polen?

Jalowiecki Es ist eine ganz spezielle Gelegenheit, die Beziehungen zwischen beiden Ländern auszubauen. Polen empfängt Freunde und wird das mit der gleichen Herzlichkeit tun, wie Luxemburg polnische Würdenträger empfängt. Diese kennen das Großherzogtum übrigens sehr gut. Noch im vergangenen Jahr war Premier Donald Tusk zu Besuch. Und seine Regierungskollegen kommen regelmäßig nach Luxemburg, um an EU-Ratssitzungen teilzunehmen.

Bei dem Staatsbesuch wird auch eine Wirtschaftsdelegation dabei sein. Wie steht es um die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern?

Jalowiecki Ich würde sagen, dass sie noch ausbaufähig sind. Die Kooperation zwischen Wirtschaftsakteuren beider Länder ist eng im Bereich der Stahlindustrie. Im Bereich der Finanzindustrie sind polnische Fonds in Luxemburg tätig. 2012 haben wir in Luxemburg einen polnisch-luxemburgischen „Business Club“ ins Leben gerufen. Wir hoffen, dass der Staatsbesuch zur Aufnahme von neuen konkreten Projekten im Bereich der Logistik, Informations- und Telekommunikationstechnologien (ICT) sowie der Energie, führen wird. Darum findet das polnisch-luxemburgische Wirtschafts- und Finanzforum in Warschau am 8. Mai statt.

Vor zehn Jahren trat Polen der EU bei. Ist die Integration komplett vollzogen?

Jalowiecki Definitiv. Und Polen setzt sich auch für eine verstärkte Integration ein. Zum Beispiel hat Donald Tusk eine Energieunion für Öl und Gas vorgeschlagen, die nach dem Vorbild der Euratom funktionieren könnte. Es geht darum, diese Energieträger für alle EU-Mitgliedstaaten durch die EU gemeinsam einzukaufen und die Energieversorgung dadurch sicherer und billiger zu machen. Es gibt positive Reaktionen auf die Idee, zum Beispiel aus Deutschland und Frankreich.

Ist das auch eine Reaktion auf die Vorgänge in der Ukraine?

Jalowiecki Polens Vorschläge sind nicht ganz neu. Richtig ist aber, dass die Frage nach der Energieversorgung und der Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen sich durch die Ukraine-Krise heute akuter stellt. Die Vorgänge in unserem Nachbarland bereiten uns große Sorgen. In einer rezenten Umfrage meinten 47 Prozent der Teilnehmer, sie würden um die Unabhängigkeit des Landes fürchten.

Man muss sich die Geschichte Polens vor Augen halten: 1939 marschierten Deutsche und Russen in Polen ein. Die Russen blieben bis 1993. Die Geschichte steht in diesem Jahr übrigens in Polen sehr im Vordergrund, weil es einige runde Jubiläen gibt: Den Beitritt zur EU natürlich, aber es ist auch 15 Jahre her, dass Polen Mitglied der Nato wurde und vor allem jähren sich zum 25. Mal die ersten freien Wahlen vom Juni 1989 und die Bildung der ersten nicht-kommunistischen Regierung. Im damaligen „Ostblock“ verursachten diese Ereignisse in Polen eine Welle von Änderungen, die im November 1989 sogar zur Fall der Berliner Mauer führten.