LUXEMBURG-GRUND
PATRICK VERSALL

Die Abtei Neumünster zeigt ab heute zeitgenössische chinesische Kunst

Die Chinesen sind sehr fahrradaffin, das Rad der zeitgenössischen Kunst haben sie jedoch nicht neu erfunden. Dies wird offensichtlich, wenn man durch die neue, seit heute geöffnete Ausstellung Art Contemporain Chinois 1 spaziert. Die bis zum 12. Januar dauernde Ausstellung zeigt aktuelle und frühere Arbeiten der beiden chinesischen Maler Zhou Yingchao und Shi Liru. Die Expo wurde vom international renommierten Kurator Ante Glibota zusammengestellt - er kuratierte u.a. die offizielle Kunstaustellung der Olympischen Spiele 1988 in Seoul - , der in der Abtei eine abgespeckte Variante einer Bilderschau zeigt, die vor einigen Monaten in Shanghai zu sehen war.

Cotillard und Nanking

Der Kreuzgang der Abtei beheimatet die überdimensionalen Porträts Zhou Yingchaos sowie seine kleinformatigen, abstrakten Entwürfe. Für die Porträtserie steckte Yingchao, der neben der Kunst auch Literatur studiert hat, chinesische und westliche Schauspielerinnen - in der Abtei ist ein Abbild der französischen Aktrice Marion Cotillard zu sehen - in traditionelle chinesische Kleider oder setzte ihnen das weltbekannte Rote Armee-Käppi auf das Haupt.

Um an originale chinesische Kleidungsstücke zu gelangen, stellte Yingchao intensive Recherchen an: Dank einer ganzen Reihe historischer Fotos, auf denen Roben abgelichtet waren, konnte sich der Künstler in ganz China auf die Suche nach jenen historischen Kleidungsteilen begeben, die seinen Vorstellungen entsprachen. Zhous Frauengesichter tragen comichafte Züge, die Blicke sind oft leer, wenn nicht sogar leblos.

Der in Peking lebende Künstler verbindet in seiner Porträt-Reihe Pop-Art-Stil-Elemente mit Motiven, die seit Jahrhunderten in der chinesischen Kunst auftauchen: Stadttore, Lotusblüten, Vögel. Yingchao gelingt somit der Spagat zwischen Tradition und Moderne.

Aus den grell-bunten Schauspieler-Porträts sticht das in Grau-Tönen gehaltene Frauenbild heraus, das an das Massaker von Nanking erinnern soll: Yingchao versah diese Arbeit mit einem weißen Flecken, der sich über dem Frauengesicht ausbreitet. Ein Farbklecks symbolisiert den Schandfleck, den das Massentöten auf dem chinesischen Geschichtsbuch hinterlassen hat. Die Frauenporträts werden ergänzt durch eine Reihe von Tableaus mit Darstellungen von Sportwettkämpfen, vorrangig Polo.

Marx oder Nike

Den gewölbten Keller der Abtei nutzt Kurator Ante Glibota, um dem luxemburgischen Publikum zum ersten Mal Werke des jungen Kunstschaffenden Shi Liru in Luxemburg zu präsentieren. Der ehemalige Kunststudent aus der Inneren Mongolei spannt in seinen Pop-Art-Werken einen Bogen zwischen Sozialismus und Kapitalismus: Dem Pop-Art-Porträt Karl Marx stellt er ein Selbstbildnis zur Seite, wo er kapitalistische Nike-Sport-Klamotten trägt.

Der erste Teil der Ausstellung Art Contemporain Chinois blickt periskopartig hinein in die zeitgenössische chinesische Kunst; liefert jedoch nur eine Facette derselbigen. Die Werke sind einen Besuch im Grund wert, der berühmte A-ha-Effekt wird beim Gang durch die Abtei jedoch nicht auftreten.


Die Ausstellung Art Chinois Contemporain 1 ist bis zum
12. Januar 2014 täglich von 11.00 bis 18.00 zu sehen.
Der Eintritt ist frei - www.ccrn.lu