Heute ist der 30. Mai und es ist durchaus angebracht über einen anderen 30. Mai, den des Jahres 1431, nachzudenken. Verdammt lang‘ her, schlappe 583 Jahre.

An diesem Tag starb eine junge Frau, die aus heutiger Sicht unter wahnhaften Vorstellungen litt, einen schrecklichen Tod. Warum? Weil sie in der Lage war, das, was man damals eine Erscheinung nannte, politisch und militärisch umsetzen zu können. Jeanne d’Arc gelang es als junger (!) Frau (!) im ausgehenden Mittelalter (!), dem hundertjährigen Krieg zwischen England und Frankreich die entscheidende Wende zu geben. Ihre Überzeugungskraft muss beeindruckend gewesen sein, schließlich stand sie wie versprochen neben dem Dauphin in der Kathedrale von Reims als, dieser zu Karl VII. (Valois) gekrönt wurde. Sie befreite Orleans. Versuchte dasselbe in Compiegne, scheiterte, wurde von einem gewissen Johann von Luxemburg-Ligny gefangen genommen und an die Engländer verkauft, die ihr in Rouen den finalen Scheiterhaufen bereiteten...

Wenige Jahre nach ihrem Tod wurde sie zum französischen Nationalmythos. Jedes politische System, jede politische Strömung berief sich auf das Mädchen. Mittlerweile wird sie völlig vom Familienbetrieb Le Pen vereinnahmt. Dabei stellt sich die Frage, ob angesichts dessen, was die politische Klasse in Frankreich derzeit treibt die Nation nicht eine neue Jean d’Arc gebrauchen kann. Nein, liebe Madame Le Pen, Sie sind ganz bestimmt nicht gemeint!

Erst vor kurzem haben wir uns hier mit Frankreichs befasst, aber dass es binnen zweier Wochen noch schlimmer kommen würde, war kaum vorstellbar. Was ist los im Oktogon? Eine extreme Rechte, die zur stärksten Partei aufsteigt. Ein bis in die Knochen unfähiger Präsident, dem nichts aber gar nichts einfällt. Daneben eine konservative Opposition, die immer noch unter den Durchstechereien des kleinen Nic. leidet und sich nun, der Einfachheit halber, selbst enthauptet hat. Marianne hat im Moment die Seuche.

Marine Le Pen und ihr Verein für einfache Antworten auf komplizierte Fragen, haben keineswegs 25% der Franzosen hinter sich , und schon gar nicht 30 oder 40% der Lothringer und Elsässer. Unsere Nachbarn wissen nur zu gut, wie sie von der EU profitieren - sie haben von Paris die Schnauze voll. Seit Lothringen nicht mehr die Heimat der Schwerindustrie ist, interessiert sich dort niemand für den Landstrich hinter der Maas. Selbst das arme Saarland hat den Strukturwandel deutlich besser überstanden als der lothringische Cousin. Stiring-Wendel, Forbach, Merlebach haben den FN nicht aus Europafrust gewählt, sondern weil sie es leid sind, von Paris ignorierte Armenhäuser zu sein.

Die Krux ist das doppelt elitäre Politiksystem der fünften Republik. Vereinfachend zusammengefasst: Alles was nicht Paris ist, ist Provinz und zählt nicht. Schlimmer noch als dieser Zentralismus ist die Herrschaft der „Enarchen“, die politische Klasse kennt sich quasi von der Schulbank und hat keine Ahnung vom normale Leben. Glaubt aber überall mitreden zu können. Eine politische Karriere wie die von Martin Schulz, vom Buchhändler zum Parlamentspräsidenten, ist an der Seine schlicht nicht vorstellbar.

Ein Mädel aus Domrémy-la-Pucelle käme heute nicht einmal am Pförtner des Elysee-Palastes vorbei.