LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Ein Jahr nach dem Taifun „Haiyan“ haben sich die Philippinen sichtlich erholt - CARE-Direktor Frédéric Haupert hat sich vor Ort ein Bild gemacht

Mit einer Spitzengeschwindigkeit von 315 Stundenkilometern fegte der Taifun „Haiyan“ am 8. November 2013 über die Philippinen hinweg und hinterließ eine Schneise der Verwüstung. 6.300 Menschen waren tot, 1.785 wurden vermisst. Die Zahl der Verletzten lag bei 28.262. 2,5 Millionen Einwohner hatten nichts zu essen, 4 Millionen waren obdachlos. Die humanitären Helfer standen vor einer großen Herausforderung. CARE International war eine der ersten Organisationen, die ins Katastrophengebiet reiste.

Zwölf Monate nach der verheerenden Naturkatastrophe reiste Frédéric Haupert, Direktor von CARE Luxemburg, in die Krisenregionen rund um Panay, Samar und Tacloban, um sich vor Ort ein Bild der Situation und des fortschreitenden Wiederaufbaus zu machen. Seit Mittwoch ist er wieder in Luxemburg. Zurückgekehrt ist er mit einem guten Gefühl. „Die Natur hat sich sehr schnell regeneriert und auch die Landwirtschaft funktioniert wieder fast wie vorher“, beschreibt er seinen ersten Eindruck.

Knotenpunkt des Klimawandels

Insbesondere Naturkatastrophen machen dem Land immer wieder zu schaffen. „Die Philippinen sind ein Knotenpunkt des Klimawandels“, bringt es Haupert auf den Punkt. Innerhalb eines Jahres ziehen zwischen 20 und 30 Taifune übers Land, die zudem immer stärker werden. Die ärmeren Regionen, so etwa die Insel Panay, haben am meisten darunter zu leiden, so auch dieses Mal. „Panay wurde in der Berichterstattung etwas vernachlässigt. Es gab keine Fotos. Umso positiver gestimmt waren wir, als wir sehen konnten, dass sich die Vegetation gut erholt hat, was übrigens für alle Teile des Landes gilt. Beeindruckend ist auch der Wiederaufbau der Gegend um Tacloban. Unsere Mitarbeiter beschrieben die Stadt damals als Zombiestadt. Leichen lagen in den Straßen, alles war komplett zerstört. Nichts stand mehr, nicht einmal der Flughafen, der ja in der ganzen humanitären Hilfe eine Schlüsselrolle einnehmen sollte. Viele Infrastrukturen konnten nach einem Jahr wieder komplett aufgebaut werden. So etwas haben wir in anderen Katastrophengebieten selten gesehen“, bemerkt Haupert.

Beeindruckende Schaffenskraft

Zwar hätten die Philippinen mit vielen Armutsproblemen zu kämpfen, trotzdem handele es sich um ein Land mit einer relativ starken Wirtschaft und einer guten Infrastruktur. „Es ist immer leichter, etwas wieder aufzubauen, was schon vorhanden war. Die Schaffenskraft der Einwohner ist unglaublich bemerkenswert. Sobald sie wieder über ausreichend Nahrung verfügten, haben sie es angepackt und damit begonnen, ihre Häuser wieder aufzubauen. Wir haben Familien kennen gelernt, die nicht verzweifelt sind, die nicht aufgegeben haben, obwohl ihr Heim nicht nur beschädigt, sondern schlicht weg war“, berichtet Haupert.

Unbeschreibliche Dankbarkeit

Unglaublich sei auch die Dimension der Dankbarkeit der gesamten Bevölkerung gewesen. „Die Welt ist zu ihnen gekommen, um ihnen zu helfen. Genau so sehen sie es. Weltweit haben Menschen gespendet. Alleine aus Luxemburg kamen mehr als 100.000 Euro. Die Einwohner fühlen sich in der Verantwortung, zu zeigen, dass nicht umsonst gespendet wurde“, sagt der Direktor von CARE Luxemburg. „Natürlich brauchte es etwas Zeit, bis die Notsituation soweit unter Kontrolle war“, gibt er aber gleichzeitig zu bedenken. „Am Anfang benötigte wirklich jeder Hilfe. 2,5 Millionen Menschen fehlte es an Nahrungsmitteln. Es gab ja nichts mehr, nichts hat mehr funktioniert. Zudem war es anfangs nicht ungefährlich, dort zu arbeiten, weil es immer wieder zu Plünderungen kam. Das ist nachvollziehbar, jeder versuchte, seine Familie zu ernähren. In den ersten sechs Tagen hat CARE mehr als 1.000 Familien mit Essen versorgt, nach 20 Tagen 53.000 Familien. Möglich war dies durch die guten Partnerschaften mit lokalen Organisationen. So konnten wir relativ schnell, viel erreichen. Unterm Strich haben wir bisher 318.000 Personen geholfen, sei es durch eine erste Lebensmittelhilfe oder durch die Unterstützung beim Wiederaufbau von Wohnhäusern“, sagt er. Schnell hätten die Betroffenen auch wieder Mut gefasst. „Bereits zehn Tage nach dem Sturm wurde überall gehämmert und gesägt. Die Menschen waren sehr motiviert. Es ist beeindruckend, wie positiv sich das Ganze mittlerweile entwickelt hat“, hebt Haupert hervor.

Ärmere Regionen kämpfen immer noch

In den ärmsten Regionen des Landes sei das Bild jedoch ein anderes. „Diese Menschen hatten natürlich die größten Probleme, beziehungsweise kämpfen immer noch. Sie haben alles verloren und kein Geld, um wieder von vorne anzufangen“, gibt Haupert zu bedenken. Unterernährung sei in diesen Regionen ein großes Problem. Viele Betroffene würden immer noch in Notunterkünften leben. „Es gibt viele Fälle chronischer Unterernährung, die schlichtweg dramatisch sind. Wenn wir ihnen nicht helfen, leben sie auch in zehn Jahren noch in Zelten oder provisorischen Hütten“, meint Haupert. „Viele Familien haben noch kein Einkommen. CARE Luxemburg ist momentan insbesondere auf der Insel Panay aktiv, eine der Regionen, die am härtesten getroffen wurde. Wir helfen momentan 4.300 Familien dabei, wieder auf die Beine zu kommen und haben bereits viele kleine und großen Erfolgsgeschichten erlebt“, freut sich der Direktor von CARE Luxemburg.

Freude überwiegt, Trauer verbindet

Der Jahrestag an sich wird Frédéric Haupert noch lange in Erinnerung bleiben. „Die Menschen haben sich gefreut, dass es ihnen wieder besser geht. Natürlich haben sie auch um ihre verstorbenen Angehörigen getrauert. Man darf nicht vergessen, dass die Katastrophe eine immense Tragödie für die ganze Bevölkerung war“, bemerkt Haupert. Wichtig sei nun die Erarbeitung nachhaltiger Lösungen. „Da sich die Philippinen im Brennpunkt des Klimawandels befinden, werden wir dort noch viele Katastrophen erleben. Wir müssen der Bevölkerung helfen, sich darauf vorzubereiten, ihre Häuser stabiler zu bauen und ihren Lebensunterhalt so zu organisieren, dass sie nicht von jeder Krise derart getroffen werden, beispielsweise indem sie ihren Lebensunterhalt diversifizieren. Sie sollen sich also nicht nur auf die Landwirtschaft konzentrieren, sondern überlegen, welche anderen Gewerbemöglichkeiten sich ihnen erschließen“, führt Haupert weiter aus.

CARE bleibt bis 2017 vor Ort

Bis 2017 bleiben die CARE-Helfer noch auf den Philippinen. Damit ist CARE Luxemburg übrigens eine der Organisationen, die am längsten vor Ort aktiv ist. „Viele Hilfsorganisationen müssen sich bald zurückziehen, weil sie keine Geldmittel mehr zur Verfügung haben. Natürlich sind auch unsere Möglichkeiten begrenzt. Bedarf an Unterstützung besteht aber nach wie vor“, gibt Haupert abschließend zu bedenken.