LUXEMBURG
MARCO MENG

ArcelorMittal verkauft Drahtwerk

Ein Stück luxemburgische Stahlgeschichte geht zu Ende. Wie ArcelorMittal gestern früh dem Betriebsrat vor Ort und anschließend der Presse bekannt gab, ist das Werk Bettemburg, an dem der Stahlkonzern Sägedraht herstellt, verkauft worden. Ein Kaufpreis wurde nicht genannt.

Bis Juni kommenden Jahres werden die vorliegenden Bestellungen bedient, dann übergibt ArcelorMittal das Werk an die neuen Eigentümer, den österreichischen Stahlkonzern Voestalpine, der das Kundenportfolio des Drahtgeschäfts übernimmt, sowie den südkoreanischen Autoteilezulieferer Sam Hwa.

Voestalpine gilt als Spezialist für die Drahtproduktion, wird hier aber nicht selbst produzieren; das wird Sam Hwa tun.

Keine Entlassungen

Für die 65 Beschäftigten des Werks Bettemburg sei eine angemessene Lösung gefunden worden, heißt es in der Mitteilung weiter. Sie werden nach Angaben des Stahlkonzerns auf andere Werke in Luxemburg verteilt oder sollen von Sam Hwa ein Übernahmeangebot erhalten. Die Südkoreaner wollen nach Angaben von ArcelorMittal kräftig in den Standort investieren. Kiswire, ebenfalls aus Südkorea, die bereits heute am Standort aktiv sind, werden das Verwaltungsgebäude übernehmen und weitere Büros errichten.

Produktion unrentabel

Laut dem Stahlhersteller fährt das Werk seit Jahren Verluste ein. Der Hauptmarkt für Sägedraht liege heute in Asien, erklärt ArcelorMittal. Das Produkt wird vor allem von der Solar- und Halbleiterindustrie verwendet. Jean-François Haumonté, CEO von ArcelorMittal Bissen & Bettemburg, betont, die Marktsituation sei seit der Krise im Jahr 2009 sehr schwierig und verhieß auch keine mittelfristige positive Veränderung. Für die neuen Eigentümer hingegen sei die Drahtproduktion ein Kerngeschäft. Voestalpine-Chef Wolfgang Eder ist auch Präsident des Weltstahlverbandes, der erst jüngst wieder davor warnte, dass durch die immer noch herrschenden Überkapazitäten auf dem Stahlmarkt und dem daraus resultierenden Preisdruck Zehntausende Arbeitsplätze gefährdet seien. Branchenkenner sagen schon seit langem, dass ein Hochpreisland wie Luxemburg nur mit Spitzenprodukten, wie ArcelorMittal sie in seinen übrigen Standorten in Luxemburg produziert, wettbewerbsfähig ist. Die Produktion von Massenware hingegen, die jeder herstellen kann, sind ein Minusgeschäft.

ArcelorMittal machte im ersten Halbjahr 2015 rund 550 Millionen US-Dollar Verluste, hatte im zweiten Quartal allerdings gegenüber dem verlustreichen ersten zugelegt und wieder schwarze Zahlen erwirtschaftet. Negativ spürt der Konzern neben dem Preisverfall beim Stahl auch den Preisdruck bei den Rohstoffen. Der Konzern ist Besitzer zahlreicher Eisenerzmienen.

Der LCGB, die Mehrheitsgewerkschaft des Werks Bettemburg, erklärte, die Aufgabe Bettemburgs sei Resultat der seit Jahren verfolgten Strategie des Konzern, nur ein Produkt ohne die Notwendigkeit großer Investitionen zu produzieren. Dabei habe das Werk seine Produktivität deutlich gesteigert.

Der OGBL sprach von einem signifikanten Verlust der industriellen Substanz des Konzern in Luxemburg und erinnerte an den Zukunftsplan „Lux2016“. Ohne einen vorherigen Dialog die Mitarbeiter vor vollendete Tatsachen zu stellen, widerspreche dem luxemburgischen Sozialmodell, so der OGBL in einer Stellungnahme.