LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Sehr private Erfahrungen mit einem kommerziellen Gentest

Bevor ich meine Erfahrungen mit kommerziellen DNA-Tests schildere, muss ich zunächst etwas „genealogisch“ und persönlicher werden, als es eigentlich in einem Artikel über einen wissenschaftlichen Trend üblich ist. Auch um die klassische Suche und die Technik des DNA-Vergleichs gegenüberzustellen.

Wenn man aus etwas unordentlichen Verhältnissen stammt, neudeutsch „Patchwork-Familie“, und man Interesse für die Geschichten und die Altvorderen mitbringt, dann erscheint der Weg einer DNA-Analyse durchaus reizvoll.

Der Reihe nach: Um etwas mehr über seine Vorfahren zu wissen, ist das Internet extrem hilfreich. Aber es geht auch mit klassischer Archivarbeit – bei den Vorfahren, die quasi vor der Haustür lebten.

Die mütterliche Seite ist, was die Familie meines Großvaters betrifft, gut belegt, meine „Welters“ lassen sich ohne Mühe bis ins 18. Jahrhundert  zurückverfolgen. Alle aus dem Kölner Raum. Am Rande: Welter als Nachname kommt gehäuft nur im Raum Luxemburg-Trier-Saarland und Aachen-Köln vor.

Die Vorfahren meiner Großmutter mütterlicherseits stammen väterlicherseits aus dem Mittelrheintal. Auch unproblematisch. Interessant wird es mit meiner Urgroßmutter (1874 – 1973), deren Familie um 1880 in die USA auswanderte und die kleine Agnes in der Obhut einer Tante zurückließ. Was wurde aus Anna Maria Müller (Ururgroßmutter), die in den USA schnell verwitwete und deren Nachfahren? Großes Fragezeichen.

Die größten Lücken tun sich aber auf der väterlichen Seite auf. Null Kontakt, also auch keine „oral history.“ Nur Basiswissen vorhanden: Name, Geburtsjahr, Geburtsort, Flucht aus Ostpreußen, immerhin Name des Großvaters. Erste Anlaufstelle ist die ehemalige Wehrmachtspersonalabteilung in Berlin, negativ. Dann durch Zufall über die Verfolgungsbehörde von NS-Verbrechen an das Landesarchiv Baden-Württemberg geraten, dort liegen alle Entnazifizierungsakten – auch die der Flüchtlinge, die es nach Süddeutschland verschlagen hatte. Als „biologischer“ Enkel ist Akteneinsicht kein Problem. Hier wartet ein Knaller.

Es klärt sich schnell, warum es keine Wehrmachtsakte gibt, der Großvater war mit einer Halbjüdin (Nazi-Jargon) verheiratet, den wollten sie bei der Wehrmacht nicht. Geburtsname und Geburtsort der Großmutter taucht auf. Immerhin. Es schließt sich die Frage an, was ist mit der Verwandtschaft passiert? Holocaust-Datenbank von Yad-Vashem in Jerusalem - hier sind die Namen der Opfer aber bestimmten Städten zugeordnet. Weder unter Königsberg (Kaliningrad, RUS) noch unter Rastenburg (Krestzyn, POL) werde ich fündig. Sackgasse.

Hilft ein DNA-Kit weiter?

Die Frau an meiner Seite drückte mir dann zum Geburtstag eine Pappschachtel in die Hand, ein „MyHeritage DNA“-Kit. Darin zwei Wattestäbchen und zwei verschließbare Reagenzgläser, eine narrensichere Gebrauchsanweisung und ein voradressierter Rückumschlag in die USA. Die Sache ist ganz einfach. Eine halbe Stunde nichts essen und trinken und dann zwei Abstriche mit den Wattestäbchen im Mundraum, rein damit in die Reagenzgläser und ab nach Utah. Die angekündigte Bearbeitungszeit beträgt sechs Wochen.

Der Termin kommt auch einigermaßen hin. Nach sechs Wochen erreicht mich eine E-Mail. Ich könnte mit dem Code, der dem Kit beiliegt, nun meine Seite bei MyHeritage aktivieren und meine Ergebnisse sehen.

Nach dem Log-In startet eine bunte Animation, die mir erklärt, dass ich zu 29,8 Prozent Nord- und Westeuropäer bin, zu 24,7 Prozent Osteuropäer und zu 23 Prozent Engländer und zu 8,6 Prozent Ire, Schotte oder Waliser. Spätestens jetzt fange ich an ein bisschen schräg zu kucken. Dann kommen noch 11,7 Prozent Balkan und  zu zwei Prozent aschkenasischer Jude. Das mag wiederum hinhauen.

Wenn man an den langen Monolog von General Harras aus „Des Teufels General“ über die vielen Völker im Rheintal denkt, ist das alles nicht unmöglich – bis auf die Briten und Iren.

Fehler-Quote Großbritannien

Nach ein wenig Internet-Recherche stellt sich heraus, dass die Sache mit Briten, Iren und Schotten bei MyHeritage zu den häufigsten Fehlerquellen gehört, sie unterscheiden sich in ihrer DNA kaum von Nordwesteuropäern. Diese Ergebnisse sind also mit äußerster Vorsicht zu genießen. Letztendlich stimmt das Ergebnis mit dem überein, was ich sowieso schon wusste, zwei Drittel Nord- und Westeuropa – die niederdeutschen „Welter“ – und ein Drittel Osteuropa, die ostpreußische Abstammung väterlicherseits, plus die jüdische Urgroßmutter.

10.000 Verwandte?

Gleichzeitig nennt mir die MyHeritage-Webseite über 10.000 potenzielle Verwandte – mögliche Cousins dritten bis fünften Grades. Allerdings liegt die Übereinstimmung bei maximal 0,9 Prozent der DNA. Ist das viel oder wenig? Ich gebe ein paar Namen in die Suchmaske - nichts. Dann versuche ich es mit Anna Maria Miller – anstelle Müller. Pling! Eine potenzielle „Cousine“ wird genannt, in deren Stammbaum Anna Maria Miller auftaucht. Prima, also noch ein Klick. Pech, denn ab hier muss nochmal gezahlt werden. Wenn ich diesen Stammbaum einsehen will, muss ich mehr investieren als nur die 65 Euro für das Starter-Kit. Es heißt sehr freundlich: „Patrick, Du kannst diesen Stammbaum einsehen, wenn…“

…ich eines der drei nächsthöheren Level für ein Jahr bezahle, dass teuerste kostet derzeit 179 Euro pro Jahr – derzeit wird ein Rabatt von 30 Prozent gewährt, der Normalpreis liegt bei 259 Euro.

Ich grüble noch.