LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Ministerium geht auf Lehrergewerkschaften zu - Nun müssen sie einen Schritt tun

Einen großen Schritt macht das Bildungsministerium auf die Lehrergewerkschaften zu, um den drohenden Sozialkonflikt im „Secondaire“ doch noch abzuwenden. Gestern stellte der zuständige Minister Claude Meisch ein neues Paket mit konkreten Vorschlägen für die bevorstehende Mediation vor. In vielen Punkten wurde den Forderungen der Intersyndicale Rechnung getragen, in manchen muss nun auch sie sich einen Ruck geben. „Wir erwarten, dass die Gewerkschaften einen ähnlichen Schritt tun“, bemerkte Meisch. Er blicke nicht zurück, wolle nicht erneut darüber streiten, weshalb eine Einigung bislang gescheitert sei und wer letztendlich unangebrachtes Verhalten an den Tag gelegt habe. Schuldzuweisungen würden die weitere Diskussion nur behindern.

Erneut betonte der Minister, dass Einsparungen nötig seien, um die öffentlichen Finanzen wieder ins Gleichgewicht zu bringen, aber auch um Mittel zu haben, die auf der anderen Seite wieder in die Schulqualität investieren werden könnten. Ein Punkt soll in der anstehenden Mediation deshalb stärker thematisiert werden: Die Aus- und Weiterbildung der Lehrer. Die Regierung sei bereit, substanzielle Mittel dafür zur Verfügung zu stellen. „Ein Sozialkonflikt bietet keinen geeigneten Rahmen, um diese und andere wichtigen Projekte in Ruhe auf den Weg zu bringen“, bemerkte Meisch, zeigte sich aber optimistisch, dass der Konflikt bis zum 31. Juli definitiv beigelegt werden könne. An Möglichkeiten mangele es nicht. „Wir brauchen endlich Klarheit. Mit ,wir‘ meine ich sowohl das Ministerium als auch die Lehrer und Direktionen, genau wie die Schüler und Eltern. Jeder muss sich jetzt seiner Verantwortung bewusst werden“, betonte er.

Basis für weitere Diskussionen

Einer Einigung sei man bereits zweimal sehr nahe gewesen. In den vergangenen Wochen habe das Ministerium den noch verbleibenden „Spielraum für ein Abkommen“ genau analysiert und daraufhin elf Vorschläge in vier Themenbereichen ausgearbeitet. „Innerhalb dieser Kategorien wird das Ministerium Verhandlungsbereitschaft zeigen“, hieß es gestern. Worüber indes nicht diskutiert wird, ist die Tatsache, dass ein solidarischer Beitrag von der Lehrerschaft erwartet wird. Unter diesem Schlagwort steht dann auch der erste Themenbereich „mit fünf möglichen Elementen eines Abkommens“.

Abgestuftes Modell des „coefficient correcteur“

„Wir haben mittlerweile verstanden, dass ein Unterschied darin besteht, ob man am Ende des Jahres das Abschlussexamen begleitet oder nicht“, gestand Meisch. Vorgeschlagen wird deshalb nun ein abgestuftes Modell des „coefficient correcteur“ von acht Wochen für Lehrer von Fächern, die nicht im Abitur-Examen abgeprüft werden, und von sechs Wochen für Fächer, die auf der Examensliste stehen. Damit zusammenhängend soll eine substantielle Erhöhung der Entlohnung für die geleistete Arbeit (Korrekturen, Vorbereitung auf mündliche Prüfung…) rund um das Abitur stattfinden. „Das, was geleistet wird, soll auch korrekt bezahlt werden. Wir haben eingesehen, dass die diesbezügliche Entlohnung nicht mehr zeitgemäß war“, gab der Minister zu. Ein Stundenlohn von 40 bis 50 Euro ist vorgesehen. Lehrer, die in Examensoperationen eingebunden sind, müssten „nur sehr geringe Einbußen einstecken“, wurde hervorgehoben. Zudem werde sichergestellt, dass kein Koeffizient einer Abschlussklasse durch den „coefficient correcteur adapté“ unter den Wert 1 falle.

Zankapfel „Alters-Décharge“

Eine Lösung will das Ministerium auch bezüglich des Streitobjekts „Alters-Décharge“ gefunden haben. Bekanntlich gab es Divergenzen, weil textliche Ergänzungen der Gewerkschaften nicht in das Abschlussprotokoll aufgenommen wurden. Diesen Textvorschlägen soll nun Rechnung getragen werden. Was die Altersfreistellungen an sich anbelangt, so zeigt sich das Ministerium bereit, einen Teil davon, statt in Bereitschaftsstunden im Dienst der Schule, in Weiterbildungsstunden umzuwandeln. Außerdem soll die Möglichkeit geboten werden, ein Fortbildungs-Zeitsparkonto „einzurichten“. Die Lehrer könnten demnach zusätzlich absolvierte Weiterbildungsstunden - obligatorisch sind acht pro Jahr - im Laufe ihrer Karriere sammeln und so auf eine komplette Altersentlastung „hinsparen“.

Beitrag des Ministeriums

Ein Zeichen setzt das Ministerium, indem es bei sich selbst spart. Bereit sei man, eine Reduktion der „Indemnité de Base“ um 50 Prozent mit in das Sparpaket aufzunehmen. „Dies bezieht sich auf die Vergütung aller Beteiligten, die zum Gelingen der Abschlussexamen beitragen. Dies gilt demnach auch für Ministeriumsbeamte“, präzisierte Meisch. Um weitere Kosten einzusparen, wird außerdem über die Reorganisation der „Surveillance“ in den Schulen nachgedacht. Diese Stunden sollen künftig von Erziehern übernommen und nicht mehr von qualifizierten Lehrern geleistet werden. Bis zu 1,5 Millionen Euro könnten dadurch pro Jahr gespart werden.

Was die Reorganisation des Abiturs anbelange, so habe man sich bereits auf die Abschaffung der zweifachen Verbesserung und Bewertung der Prüfungen während des Abiturjahres geeinigt. Unter welchen Bedingungen eine Reform der dreifachen Verbesserung bei den Abschlussexamen in Erwägung gezogen werden könne, soll Gegenstand gemeinsamer Überlegungen sein.

Anreize für mehr Weiterbildung

Wie eingangs erwähnt, sollen substantielle Investitionen in die Weiterbildungangebote der Lehrer getätigt werden. Auch dies soll Teil des Abkommens sein. Anreize sollen geschaffen werden, um die Lehrer dazu zu motivieren, außerhalb ihrer Arbeitszeit mehr als das gesetzlich vorgeschriebene Volumen an Weiterbildungen zu absolvieren, „entweder über den Weg eines reformierten Systems der Altersfreistellungen oder über den Weg von finanziellen Ausgleichen“, hieß es.

Optimistischer Minister

„Es handelt sich bei diesen Vorschlägen nicht um ein Friedensangebot in Form einer Kapitulation, sondern um einen weiteren Versuch, einen Sozialkonflikt abzuwenden“, betonte der Bildungsminister nach der Vorstellung des Elf-Punkte-Programms. Einsicht müsse es auf beiden Seiten geben. „Wenn die Gewerkschaften auf Konfliktkurs bleiben, besteht allerdings kaum noch eine Chance“, gab Meisch zu bedenken, zeigte sich aber äußerst zuversichtlich, dass die vorgelegten Vorschläge auf Zustimmung stoßen werden.