NORA SCHLEICH

Das Prinzip des Mitfühlens macht halt vor Trumps Gebaren

Sympathie für einige Menschen zu empfinden, kann recht schwierig sein, wogegen es bei anderen wie selbstverständlich erscheint, dass wir sie mögen oder zumindest mit ihnen fühlen. Psychologisch gesehen lässt sich das wahrscheinlich auf unsere Persönlichkeitsprägung im Laufe der Vergangenheit zurückführen. Situationen, die wir ge- und erlebt haben, färben unsere aktuellen Eindrücke nur allzu gerne auch in der Gegenwart und bedingen somit wohl Anti- und Sympathie im Alltag.

Die Philosophen geben sich mit solchen Erklärungen nur selten zufrieden. Auch hier geht es wieder darum, ein Prinzip aufstellen zu können, welches der Erklärung eines immer wieder auftretenden Phänomens dienlich sein soll. Adam Smith, schottischer Moralphilosoph des 18. Jahrhunderts, präsentierte in seiner 1759 erschienenen „Theorie der ethischen Gefühle“ das Prinzip der Sympathie, um die wesentliche Determinante des Mitfühlens unter Mitmenschen methodologisch aufzuarbeiten. Nun wird Sympathie im gewöhnlichen Jargon als Form der Zuneigung verstanden und beschreibt eine Art „mögen“ oder „angenehm finden“. Der Etymologie nach bedeutet Sympathie tatsächlich vor allem Mitfühlen. In Smiths Sympathieverständnis ist sie aber eher ein ursprünglicher, dem Menschen von Geburt an gegebener Drang nach Anteilnahme am Schicksal anderer: 

„Mag man den Menschen fu?r noch so egoistisch halten, es liegen doch offenbar gewisse Prinzipien in seiner Natur, die ihn dazu bestimmen, an dem Schicksal anderer Anteil zu nehmen, und die ihm selbst die Glu?ckseligkeit dieser anderen zum Bedu?rfnis machen, obgleich er keinen anderen Vorteil daraus zieht, als das Vergnu?gen, Zeuge davon zu sein.“

Sympathie gilt hier also als „Gefühls-Sharing“, seien diese positiver oder negativer Natur, gerne teilen wir Glück, Liebe und Freuden. Doch auch der Trieb am Kummer des Anderen teilzunehmen, bei Furcht und Zorn mitzuleiden, ist der Theorie nach inhärent. Wie aber wird der Trieb aktiv, denn nicht mit jedem wollen oder können wir mitfühlen? Gibt es auch da gewisse apriorische Bedingungen, die vor dem eigentlichen Sympathisieren zu erfüllen sind, um einen „Gleichklang der Gefühle“ zu erreichen? Laut Smith kann das Teilen von Empfindungen nämlich nur stattfinden, wenn der Beobachtende, genauso wie der eigentlich Fühlende, dem Gegenüber „entgegenkommt“. Nämlich indem der Anteilnehmende versucht, sich so gut es geht in die Lage des Anderen hineinzuversetzen und dessen Situation aus möglichst vielen Perspektiven zu verstehen. Natürlich gilt es auch hier zunächst die eigenen persönlichen Vorlieben und Abneigungen zur Seite zu stellen. Es mental fertigzubringen, sich an die Stelle des Anderen zu denken, erfordert natürlich ein gewisses Maß an reflexiver Gewandtheit. Was wäre, wenn es mir so ergehen würde? Wie würde ich mich da fühlen? Nur indem wir uns solche Fragen stellen, können wir per cogitationes dem anderen nähertreten und die Dissonanz unserer Gefühle verringern. Doch auch dem Betroffenen selbst, der im Moment des Leidens wahrscheinlich zunächst einmal „leidenschaftlich nach einer innigen Sympathie“ verlangt, wird geraten, sich in Vernünftigkeit und Selbstbeherrschung zu üben, seine Gefühle auf das Gegenüber abzustimmen, damit dieser mit dem Empfinden „mitgehen“ kann. Ist der Leidende selbst zu theatralisch, agiert weltfremd und der allgemeinen Wahrnehmung nach allzu hysterisch, können die, die ihn umgeben, nicht wirklich nachvollziehen, woher dieses Gefühlsbeben kommen könnte, geschweige denn, wie der andere momentan empfindet. Sehen wir uns mit einer zu exzessiven Emotionschoreografie konfrontiert, fühlen wir uns oft nicht angesprochen oder gar abgestoßen: Wir können uns nicht in die Lage des anderen hineinversetzen. 

Der Zeitgenossen liebstes Negativbeispiel kann auch in diesem Kontext nur allzu dienlich sein. Sympathie mit Donald Trump zu empfinden mag schon eine gewisse Challenge darstellen. Mit Smiths Prinzip lässt sich vorzüglich nachweisen, warum dies so ist. Zum einen ist Trump das Anliegen, seinem Gegenüber entgegenzukommen, scheinbar relativ egal. Sich stets und ausschließlich selbst der Nächste zu sein, verhindert es nun leider von vornherein, eine mentale Verbindung zu jemand anderem herstellen zu können. Sprich, mit dem anderen mitzufühlen, um an seiner Situation aufrichtig teilhaben zu können. Einen Teil des Selbst zurückzustellen, um die Emotion des anderen aufzufangen ist jedoch Grundbedingung des Sympathisierens. Sympathie zu empfangen bedeutet aber auch, wie oben angeführt, die eigene Situation und Gefühlswelt dem Umfeld anzupassen, damit dieses überhaupt die Möglichkeit zur Teilhabe hat. Nun sind die immer wiederkehrenden Aufführungen des Trump’schen Theaterstücks in drei Akten - Großkotzigkeit, Ignoranz und Beleidigt-Sein - wohl kaum mit dem Gusto des Gemeinsinns kompatibel, so dass viele Mitmenschen sich entweder verwundert oder verständnislos, wenn nicht sogar be- und abwertend dem Gebaren des #PleaseCallMePotus gegenüber zeigen. Sympathie für Trump zu empfinden wäre laut Smith gleichzusetzen damit, sich in seine Lage hineinversetzen zu können. Die Gedanken Trumps jedoch tatsächlich nachvollziehen zu können, setzt meines bescheidenen Erachtens aber mehr voraus als mentale Fitness - nämlich auch noch die Fähigkeit der Teilhabe an egoistischen Hirngespinsten und gigantomanischen Eseleien. Dass die meisten sich einer solchen „Denkungsart“ nicht anpassen können, lässt doch noch aufatmen ...